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Vorurteile in Therapie

Migranten, die in psychologischer Behandlung sind, werden oft stereotypisch auf ihren Migrationshintergrund reduziert. Ein Forschungsprojekt der FU möchte das ändern. Von Lily Martin

Illustration: Luise Schricker

Illustration: Luise Schricker

Dünya hat beschlossen, sich einem Therapeuten anzuvertrauen. Seit der Trennung ihrer Eltern kann sie nicht mehr schlafen. Auch Essen macht ihr keinen Spaß mehr. „Erzählen Sie doch einmal von der Migration ihrer Eltern“, sagt Herr Sattler am Ende der Sitzung. „Hängt Ihr Problem vielleicht damit zusammen, dass sie mehrere Kulturen in sich vereinen müssen?“

Gewisse Fragen stellen Psychotherapeuten nur Menschen mit Migrationshintergrund. Nicht selten notieren Therapeuten den Ausdruck „Mittelmeersyndrom“ – die stereotypisierende Bezeichnung für die Tendenz, psychische Leiden in körperlichen Schmerzen auszudrücken. Diese psychosomatischen Beschwerden treten angeblich bei Migranten aus südlichen Ländern auf.

In Deutschland haben mehr als 19 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Zahlreiche wissenschaftliche Initiativen, wie etwa das Zentrum für Inter- kulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Supervision an der Charité, fragen: Brauchen Migranten besondere, „zu ihrer Kultur passende“ Beratung, die das deutsche Gesundheitssystem nicht bereitstellt?

Die Psychologin Theresa Steinhäuser vom Arbeitsbereich „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ beschäftigt sich im Rahmen ihrer Promotion an der FU mit einer etwas anderen Frage: Wie kann das deutsche Gesundheitssystem auf die Bedürfnisse aller Teile der Bevölkerung ausgerichtet werden?

Aus wissenschaftlicher Sicht werde Migration häufig als Kulturschock oder Trauma verstanden, das ein Individuum krank machen kann. Viele Forscher schlagen daher besondere Therapien für Menschen mit Migrationshintergrund vor. Sie sollen in verschiedenen Sprachen angeboten werden und Kulturbesonderheiten der Patienten berücksichtigen. Diesen Annahmen stimmt Steinhäuser nicht vollständig zu: „Einen Migrationshintergrund haben nicht nur Menschen, die selbst migriert sind. Auch Kinder oder Enkelkinder von Migranten werden als Menschen mit Migrationshintergrund bezeichnet. Diese Patienten auf nur ein Charaktermerkmal zu reduzieren wäre fatal.“

Mit einem kleinen Forschungsteam führt sie seit diesem Jahr qualitative Befragungen durch. Sie sprechen mit Patienten, Sozialarbeitern, Pflegekräften, Therapeuten und Therapeuten in Ausbildung – mit und ohne Migrationshintergrund. „Es ist mir wichtig, nicht nur über Menschen mit Migrationshintergrund zu reden, sondern sie auch selbst zu Wort kommen zu lassen“, sagt Steinhäuser.

Sowohl Migranten als auch Menschen ohne Migrationshintergrund können an psychischen Problemen leiden. Nicht immer haben diese Probleme etwas mit dem Migrationshintergrund zu tun. Die Gründe für eine Migration sind sehr verschieden. Manche Menschen verlassen ihre Heimat als politische Flüchtlinge und tragen schwere Traumata davon. Andere haben ein gutes Job-Angebot in einem anderen Land bekommen. Fraglich ist, wie eine Therapie helfen soll, die von vornherein in Stereotypen denkt. „Ich erlebe täglich die Unsicherheiten der Mitarbeiter, wenn es um die Behandlung von Migranten geht“, sagt Steinhäuser. Es fehle an Geld für die Hilfe von Dolmetschern oder an Informationsmaterial in verschiedenen Sprachen.

Ziel der FU-Psychologin ist es, feststehende Annahmen in Frage zu stellen. Die Interviews mit allen Beteiligten sollen neue Sichtweisen auf bestehende Probleme in der Therapie aufdecken. Ein nächster Schritt wäre dann, laut Steinhäuser, die psychosoziale Versorgung so zu reformieren, „dass alle mit der gleichen Qualität behandelt werden – ohne Vorurteile“.

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