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Der Nachbar mit der Bombe

Nordkorea droht seinem südlichen Nachbarn mit einem Atomkrieg. Beobachter sagen, die Lage sei angespannt wie nie – „Ich habe keine Angst mehr“, sagt Südkoreanerin Eunjie Wie. Von Vanessa Ly

Eunjie Wie ist 21 Jahre alt und lebt in Südkorea. Vergangenes Wintersemester hat sie an der FU Englisch studiert. Foto: privat

Auf dem Wohnzimmertisch stehen in zwei Porzellanschalen Paprikachips und kirschförmige Gummibärchen. Es ist Samstag, Eunjie Wie und ihre zwei Freunde planen einen Filmabend – irgendetwas zum Lachen. Doch es kommt anders. Die Moderatorin der Nachrichtensendung verliest eine Meldung der nordkoreanischen Nachrichtenagentur. Nordkorea hat Südkorea den Krieg erklärt. Eunjie und ihre zwei Freunde auf dem Sofa irgendwo in Seoul sagen erstmal nichts.

Damals war sie erst seit zwei Monaten zurück in ihrer Heimat, der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. „Ich hatte wirklich Angst“, sagt Eunjie im Rückblick. Zuvor hatte sie das Wintersemester an der Freien Universität in Berlin verbracht, hier Englisch auf Lehramt studiert. Da waren die Probleme mit Nordkorea ganz weit weg. Die 21-Jährige aß Schweinshaxe, tauchte in das hippe Stadtleben Berlins ein und erlebte den kältesten Winter ihres Lebens. „Die vielen Eindrücke haben mich mein Heimatland manchmal völlig vergessen lassen.“ Seit Eunjie zurück in Seoul ist, ist alles wieder da.

Zuerst provozierte der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un Südkorea und die USA Mitte Mai 2012 mit einem makabren Propagandavideo, dann kündigte er an, seine Atomwaffen in Stellung zu bringen, schließlich dann die Kriegserklärung. Doch das alles ist nur der medienwirksame Höhepunkt einer viel längeren Geschichte: Schon seit Ende des Koreakrieges 1953 herrscht zwischen den beiden koreanischen Staaten eine Pattsituation. Im Leben von Eunjie hat das nie eine Rolle gespielt. Als Kind spielte sie draußen, als Teenager stürzte sie sich ins Gewusel der Seouler Innenstadt, auch heute bewegt sie sich dort frei. Nur in der Schule war der Kalte Krieg Thema. „Uns wurde beigebracht, dass Nordkorea die gleichen Wurzeln hat und dass sich die Südkoreaner die Wiedervereinigung wünschen.“

Dieser Wunsch wird auch auf diplomatischer Ebene immer wieder betont. Eunjies Generation ist dennoch mit der Teilung aufgewachsen. Die Studentin hat sich an die zwei koreanischen Staaten gewöhnt: „60 Jahre leben wir jetzt schon so“, sagt sie. Die zwei Nachbarstaaten trenne längst mehr als nur der Grenzstreifen. Sogar die Sprache sei teilweise anders. „Wir sind uns fremd geworden.“ Mit einer Wiedervereinigung würden außerdem viele Nordkoreaner nach Seoul kommen, um Arbeit zu finden. Die Studentin fürchtet, dass Kriminalität, Gewalt und Arbeitslosigkeit dann wachsen würden – „das möchte ich hier nicht“.

Zwar hat sie, als sie in Berlin war, die deutsche Geschichte der Wiedervereinigung kennengelernt – und gesehen, dass es geht. Trotzdem: „Die Situationen sind verschieden”“ sagt sie. Während das DDR-System 1989 schon bröckelte, sei das Regime in Nordkorea immer noch sehr widerstandsfähig. Eine Abneigung gegenüber Nordkoreanern habe sie aber nicht. Es sei nicht die Bevölkerung, die sie nicht ausstehen kann: „Es sind Kim Jong Un und seine Regierung.“ Er sei für die sozialen Missstände in Nordkorea verantwortlich.

Doch seine Drohungen nimmt die 21-Jährige mittlerweile nicht mehr ernst. „Er will uns nur einschüchtern.“ Sie redet viel mit ihren Freunden über die Situation, einige davon sind im Wehrdienst. „Sie vermuten, dass er nur Geld will.“ Ein Krieg würde ihm überhaupt nichts bringen. Das hat sie beruhigt. „Jetzt habe ich keine Angst mehr.“

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