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Kiffen mit Kafka

Anfang der 1970er-Jahre gingen die meisten Studierenden auf die Straße statt zur Vorlesung. Matthias Matussek blieb im Hörsaal. Maik Siegel fragte den Journalisten warum.

Matthias Matussek. Foto: Frank Siemens (Pressefoto)

Matthias Matussek. Foto: Frank Siemens (Pressefoto)

West-Berlin im Jahr 1973: Hausbesetzer,Drogenabhängige,RAF-Anhänger, Aussteiger. Und mittendrin: Matthias Matussek, der einfach nicht zur Bundeswehr wollte. Deswegen schrieb sich der damals 19-Jährige an der FU ein. Der heutige „Spiegel“-Journalist war damals noch genauso unruhig wie seine Zeit: Am Anfang studierte er fünf Fächer auf einmal, zog gleichzeitig etliche Male um – ziellos, immer unterwegs. Am Ende landete er in Neukölln, von wo aus er täglich in die U-Bahn Richtung FU stieg, um Vorlesungen in Germanistik und Anglistik zu hören.

In Dahlem lag zu dieser Zeit noch ein Hauch der 60er in der Luft. Viele Studierende hatten die Revolution vor Augen, gingen auf die Straße um Deutschland zu verändern. Doch der Student Matussek, der mit 17 „Das Kapital“ von Karl Marx gelesen hatte, erklärte seine revolutionäre Laufbahn schon mit 20 für beendet. Die Protestkultur an der FU ging ihm auf die Nerven: „Das war teilweise unerträglich“, sagt der 59-Jährige heute. „Diskussion war nicht mehr möglich, es ging um fest umrissene Welt- und Feindbilder.“

Matussek ging stattdessen voll in seinem Studium auf: Er vertiefte sich in Kafka-Lektüre, betete Gedichte von den Beat-Poeten vor sich her und lauschte der Musik von Jim Morrison oder The Cream. „Die hat man am besten verstanden, wenn man bekifft war“, sagt er und lacht. Ein Seminar zu Adornos ästhetischer Theorie beeinflusste ihn noch Jahre später zu seiner Zeit als Theaterkritiker.

Am meisten aber hat ihn ein privater Zirkel von gleichgesinnten Studenten geprägt. Dort haben sie sich mit den Dingen beschäftigt, die damals dem politischen Aktionismus geopfert wurden, erzählt Matussek. Sie schrieben Kurzgeschichten und lasen Gedichte, sprachen über Sehnsüchte und Empfindungen, diskutierten die Schönheit und die Literatur. „Wir haben gespürt: Das war das eigentlich Wichtige.“

Bald jedoch fragte er sich, was er mit der Kombination seiner Orchideenfächern anfangen sollte. An einem Gymnasium in Steglitz probierte Matussek sich als Lehrer. Schnell aber merkte er, dass er dafür nicht geboren war – er wollte einen antiautoritären Unterricht. „Aber das Diskutieren im Stuhlkreis hat die Schüler nicht interessiert“, sagt er. „Und als Solo-Entertainer an der Tafel habe ich mich nicht wohl gefühlt.“

Also begann Matussek neben seinem Studium als freier Mitarbeiter bei Stadtteilzeitungen zu arbeiten. Das Journalisten-Dasein wurde schnell zu seinem Traumberuf. Und er hatte großes Glück: Mitten im Studium wurde Matussek an der Deutschen Journalistenschule in München angenommen. Sein Plan, parallel seine Magisterarbeit zu schreiben, ging neben seiner journalistischen Arbeit unter. Auch, wenn er es damals noch nicht wusste – er ist nie an die FU zurück gekehrt.

„Mein Weg war eben ein anderer“, schaut Matussek heute zurück. Er stand damals erst am Anfang seiner journalistischen Karriere. Auch ohne Studienabschluss.


Matthias Matussek wurde 1954 in Münster geboren. An der FU studierte der Journalist Anglistik, Germanistik, Amerikanistik, Komparatistik und Publizistik. Nach Stationen beim „Berliner Abend“, „TIP“ und „Stern“ landete Matussek beim „Spiegel“. Er lebte als Korrespondent u.a. in New York, Rio de Janeiro und London. Von 2003 bis 2007 leitete er das Kulturressort des Spiegels und arbeitet dort heute als freier Autor. Matussek lebt in Hamburg.

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