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Es ist noch nicht vorbei

Das letzte Mal war FU-Student Francis Laugstien vor zwei Jahren in Kairo. Damals packte ihn der Optimismus der Ägypter. Jetzt ist er zurück in dem Land, in dem der Umbruch mittlerweile zum Alltag geworden ist. 

Kairo

Ein Demonstrant in Kairo. Seit mehr als zwei Jahren kommt die Stadt nicht zur Ruhe. Foto: Francis Laugstien

Die Straßen der Innenstadt Kairos sind lauter als sonst, die Luft noch schlechter. Reizgas lässt mir die Tränen über das Gesicht laufen, Schüsse hallen durch die Luft. Ich drücke mich hinter den Panzern vor dem Obersten Gerichtshof vorbei und gehe weiter in Richtung der großen Einkaufsstraßen. Ein junger Mann mit rotem Shirt und Badelatschen tänzelt auf mich zu. „Sisi, oh Sisi!“, ruft er. Ich muss lachen. Er und seine Freunde lachen mit. Die Stimmung ist ausgelassen. Im Hintergrund sind  noch immer Schüsse zu hören.

Nie zuvor ist mir die Spaltung der ägyptischen Gesellschaft deutlicher vor Augen geführt worden als an diesem Tag. Um mich herum feiern Tausende den Nationalfeiertag und „Sisi“ – General Abdel Fattah al-Sisi, den Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Wenige Kilometer weiter liefern sich Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi mit Sicherheitskräften und politischen Gegnern heftige Straßenschlachten. Landesweit sollen dabei mehr als 50 Menschen umgekommen sein, die meisten von ihnen Mitglieder von Mursis Muslimbruderschaft.

Seit dem Militärputsch Anfang Juli 2013 versucht sie vergeblich, ihren gewählten Präsidenten wieder einzusetzen. Trotz der politischen Krise verläuft mein Alltag in Kairo eher unspektakulär. Arabisch lernen am Morgen, Deutsch unterrichten bei einer NGO am Abend. Was mich nervt, ist die nächtliche Ausgangssperre: Nach Mitternacht werden die Bürgersteige hochgeklappt und die Armee übernimmt die Stadt. Freitags geht der Spuk schon um 19 Uhr los. Andere haben allerdings ernstere Schwierigkeiten.

Für diesen Artikel versuche ich, Kontakt zu einem Bekannten von der Muslimbruderschaft herzustellen. Ich erfahre, dass er seit dem 25. August im Gefängnis sitzt. Ich habe keine Möglichkeit, ihn zu sehen oder mit ihm zu sprechen. Er ist einfach von der Bildfläche verschwunden. Mundtot werden Regimekritiker auch in den Medien gemacht. Jüngstes Opfer ist der Satiriker Bassem Youssef, der in seiner TV-Sendung „Al-Bernameg“ die landesweite Sisi-Euphorie durch den Kakao zog. Sein Verschwinden trifft mich persönlich besonders hart, das der islamistischen Sender weniger.

Überaus präsent sind hingegen die Medien, die General Sisi die Treue geschworen haben – mit entsprechender Wirkung bei der  Zivilbevölkerung. Für viele ist Sisi der neue Held der Nation. Er ist so populär, dass er als Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr gehandelt wird. Die Muslimbrüder gelten demgegenüber als gefährliche Staatsfeinde.

Mursi und seine Bruderschaft haben in ihrem Jahr an der Macht viele Menschen enttäuscht. Sie waren war demokratisch gewählt, Demokraten waren sie aber deshalb noch lange nicht. Die jetzige Regierung ist weder das eine noch das andere.

Bei meinem letzten Besuch in Kairo vor zwei Jahren wurde ich vom Optimismus der Bevölkerung regelrecht mitgerissen. Heute ist davon nur noch wenig geblieben. Aber wie viele Revolutionen schafften es, über Nacht stabile demokratische Verhältnisse zu bringen? Mein Urteil über den ägyptischen Aufstand werde ich frühestens in ein paar Jahren fällen. Zumindest ist jetzt der Ausnahmezustand wieder aufgehoben.

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