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Gefangen in der Blase

Das Erasmus-Programm sollte ausländische und einheimische Studenten zusammenbringen. Doch wer in den Uni-Alltag der FU blickt, erkennt: Echter Austausch ist rar. Von Maik Siegel

Erasmus

Ob der Namensgeber Erasmus sich das Austauschprogramm so gewünscht hätte? Illustration: Robin Kowalewsky

Marta Kosmalska ist die ideale Erasmus-Studentin für die FU: Die 23-jährige Polin spricht ein passables Deutsch, wollte schon immer mal zum Berliner Theatertreffen und möchte am liebsten jeden in der Stadt kennenlernen. Sie hat nur ein Problem: Nicht alle wollen sie kennenlernen.

Seit diesem Oktober studiert Marta an der FU, einer Universität, die vor internationalem Flair nur so strotzt: Auf den Gängen hört man nasales Englisch, melodisches Italienisch und spanisches Stakkato. Menschen aus aller Welt versammeln sich hier gemeinsam zum Lernen. Hier, wo so viele Einheimische und Austauschstudenten aufeinander treffen, ist eigentlich der perfekte Ort für das Entstehen von Freundschaften. Eigentlich. Marta sieht das anders.

„Ich möchte gern deutsche Studenten kennenlernen“, sagt die Anglistik-Studentin. Sie sitzt vor der Kaffeebar in der Silberlaube, um sie herum das bunte Sprachengewirr. „Nach den Kursen gehe ich manchmal mit meinen Kommilitonen in die Mensa, dann kommen wir ins Gespräch. Aber danach gehen alle ihrer Wege. Jeder hat sein eigenes Leben.” In solchen Momenten fühlt sich Marta allein. Sie fragt sich oft, warum es nicht mal bis zum Kaffee danach kommt. „Vielleicht haben die Berliner uns Erasmus-Studenten satt, weil die Stadt selbst schon so international ist. Vielleicht sind wir auch einfach zu viele.“

Genau 697 Erasmus-Studenten sind in diesem Semester an der FU. Dazu kommen noch einmal mehrere Hundert internationale Studenten aus anderen Austauschprogrammen. Seit 1987 gibt es das Erasmus-Programm – die FU war von Anfang an dabei. Laut dem International Office waren seit der Einrichtung der Datenbank im Jahr 1998 mehr als 13.000 Erasmus-Studenten an der FU. Sie kommen aus insgesamt 29 europäischen Ländern, die meisten stammen aus Frankreich oder Spanien.

Für die EU ist das Programm „eine der großen Erfolgsgeschichten“. Geht es nach den Zahlen, ist auch an der FU alles bestens. Seit Beginn der Aufzeichnungen haben nur 13 Studenten ihren Aufenthalt abgebrochen. Knapp die Hälfte der ausländischen Studenten kommt für zwei Semester. Längerfristigen Freundschaften zwischen Deutschen und Erasmus-Studenten steht also theoretisch nichts im Weg.

Praktisch schon. Welche Gründe hat das? Liegt es an der Unterbringung im Studentenwohnheim, wo Erasmus-Studenten von anderen isoliert sind? Einige von Martas Freunden leben dort, sie bleiben unter sich. Sie selbst ist froh, eine kleine Wohnung in Zehlendorf gefunden zu haben. „Da fühle ich mich nicht so sehr in einer Blase wie im Wohnheim.“ Die berühmte Blase, in der sich Erasmus-Studenten einnisten und die sie am Kontakt zu einheimischen Studenten hindert – sind die Wohnheime ein Teil von ihr?

Jonatan Køhler sitzt in einer karg eingerichteten Küche im Wohnheim an der Goerzallee in Lichterfelde. Es ist fast still, nur leise hört man von draußen das Rauschen der Autos. Von Jonatans Mitbewohnern, allesamt internationale Studenten, ist nichts zu hören. „Die sind eher Stubenhocker“, sagt der bärtige Däne und grinst. Der 24-Jährige studiert ein Semester lang Physik und Chemie an der FU. Ins Wohnheim ist er gekommen, weil er damals von der Uni eine E-Mail mit einer Auswahl an Häusern bekam. Es schien ihm die einfachste Lösung zu sein. Er wollte ohnehin nicht allein wohnen. Jetzt aber ist er ausschließlich mit internationalen Studenten in einem Trakt untergebracht. Lebt er damit in der berüchtigten Blase?

„Das würde ich so nicht sagen.” Jonatan guckt auf den Boden und überlegt. „Wer will, kann einheimische Studenten in der Uni, bei den Sportkursen oder im Internationalen Club kennenlernen.“ Die geographische Distanz des Wohnheims zu anderen spürt er dennoch: „Wir fühlen uns weit weg von allen.

Auch von den Berliner Studenten. Dabei wohnen sie gleich um die Ecke: In einem der vier Wohnheimgebäude in der Goerzallee sind die einheimischen FUler untergebracht. Obwohl sie Mauer an Mauer leben, bleibt jeder unter sich. Zwei unterschiedliche Welten, seltsam unberührt voneinander, scheinen hier zu existieren.

111 Erasmus-Studenten leben in den beiden Wohnheimen in der Goerzallee und dem Halbauer Weg. Jonatan hat auch internationale Bekannte, die in deutschen WGs wohnen und sich trotzdem vor allem im Erasmus-Kosmos bewegen. „Ich war überrascht zu sehen, wie viele Austauschstudenten sich abschotten.“ Auch Stephanie Kutschmann kennt das Phänomen: „Bequemlichkeit und mangelnde Sprachkenntnisse sorgen oft dafür, dass Erasmus-Studenten unter sich bleiben.“

Stephanie ist Präsidentin des Internationalen Clubs der FU, in dem Studenten ehrenamtlich Sprach-Stammtische und Ausflüge organisieren. Sie kommen fast alle aus Berlin. Stephanie mag es, andere Kulturen kennen zu lernen. Trotzdem weiß sie, dass es vielen ihrer Kommilitonen anders geht. Das schiebt sie auch auf die hiesige Kultur. „Wir Deutschen sind nicht gerade offene Menschen. Bei uns muss man hartnäckig sein.“ Sie versteht auch, dass sich die meisten deutschen Studenten niemals auf einer Erasmus-Party blicken lassen würden. „Unser soziales Leben spielt sich an anderen Orten ab. Außerdem sind wir Studenten an der Uni sehr eingespannt.“

„Ich kann das ja verstehen “, sagt Jonatan und lächelt resigniert. „Sie wissen, dass wir nur kurze Zeit hier sind. Bevor man sich richtig kennt, müssen wir schon wieder abreisen.“

Marta lässt sich davon nicht entmutigen. Sie will sich ins Berliner Getümmel stürzen, das richtige Deutschland erleben, nicht die Touri-Version. Wenn sie davon erzählt, merkt man, wie wichtig ihr das ist. „Vielleicht trauen sich auch einige nicht, Austauschstudenten anzusprechen“, überlegt sie noch einmal. Weil sie vom gängigen Klischee des Partystudenten abgeschreckt werden? Marta weiß es nicht. Sie hofft nur, dass die Blase irgendwann platzt und ihr Erasmus-Jahr genau so wird, wie sie es sich vorgestellt hat: ein Austausch mit Austausch.

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