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Einmal alles, bitte!

Die TU will für viele Studiengänge den Numerus Clausus aufheben und Studien-anfängern ein Orientierungsjahr anbieten. Auch die FU hat Interesse an der Idee eines Studium generale. Von Florian Schmidt

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…und Christian merkte, dass sich etwas ändern muss. Illustration: Robin Kowalewsky

Der Mann mit den silbrigen Haaren und dem dunkelblauen Jackett lehnt sich langsam zurück. Etwas bieder wirkt er, streng und traditionell. Doch als er zu reden beginnt, wird schnell klar: Hier spricht kein konservativer Bewahrer des Status quo. Dieser Mann will die Universität verändern. Geht es nach ihm, sollen die Hochschulen mehr Studieninteressierte aufnehmen und den Abiturienten besser bei der Wahl des Studiengangs helfen.

Der 55-jährige Physikprofessor, der das Ersti-Dasein reformieren will, heißt Christian Thomsen. Seit Anfang April ist er Präsident der Technischen Universität Berlin. Seitdem macht er Schlagzeilen, vor allem mit dem Vorhaben, für viele Bachelor- und Masterstudiengänge den Numerus Clausus (NC) abzuschaffen – und mit dem Plan, eine Orientierungsphase, ein Studium generale, für alle Studienanfänger anzubieten.

„Wir müssen möglichst vielen jungen Menschen die Chance geben zu studieren“, sagt Thomsen. „Der NC hält einige Studieninteressierte von den Unis fern. Deshalb wollen wir in den kommenden Jahren viele Fächer zulassungsfrei anbieten.“ Den ersten Schritt hat die TU bereits getan: Im nächsten Wintersemester wird die Uni doppelt so viele Studiengänge zulassungsfrei anbieten wie im Vorjahr, darunter auch beliebte Fächer wie zum Beispiel Chemie.

Zudem soll das Studium generale mehr Erstis an die TU locken. Zwei Semester lang sollen Unentschlossene in verschiedene Fächer ihrer Wahl hineinschnuppern können, um herauszufinden, welcher Studiengang ihnen gefällt. „Entscheiden sie sich danach für eines der Fächer, können sie sich die geleisteten Punkte anrechnen lassen“, so Thomsen.

Die Pläne des TU-Präsidenten sorgen für Wirbel in der Berliner Hochschullandschaft. Für die Hauptstadt-Unis bedeuten Thomsens Vorhaben einen Paradigmenwechsel. Auf Druck des Berliner Senats führten HU, TU und FU im Jahr 2004 flächendeckend Zulassungsbeschränkungen ein. Der Ansturm der Abiturienten war zu groß geworden, die Angabe der Durchschnittsnote wurde bei der Bewerbung zur Pflicht.

Zehn Jahre später merken die Unis nun: In einigen Fächern bleiben, womöglich auch wegen der Beschränkung, Plätze frei – ein Umstand, der ins Geld geht. Denn die Zuschüsse des Landes bemessen sich nicht zuletzt an der Zahl der Erstsemester, die die Universität pro Jahr aufnimmt. Angesichts der jüngst beschlossenen Hochschulverträge, die den Uni weniger finanziellen Spielraum bieten, erscheint es kaum verwunderlich, dass Thomsen gerade jetzt viele NCs abschaffen will.

Auch das Studium generale wirkt wie ein Gegenentwurf zum bisherigen Kurs von Politikern und Unis. Mit der Einführung der Ncs versuchte man 2004 auch, die häufigen Studienfachwechsel einzudämmen. Die Logik des damaligen Bildungssenators Klaus Böger (SPD): Wer sich auf ein platzbeschränktes Fach bewirbt, beschäftigt sich vorab intensiver mit ihm, weiß besser worauf er sich einlässt – und gibt seltener auf. Aufgegangen ist diese Überlegung nicht. Wie eine aktuelle Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung belegt, bricht auch in Berlin im Schnitt noch immer jeder vierte Bachelorstudent sein Studium ab.

Ein Grund dafür ist oft die Unzufriedenheit mit dem eigenen Fach. Geht es nach Thomsen, soll eine umfassende Orientierungsstufe in Zukunft bösen Überraschungen vorbeugen. Während es solche Projekte an der Münchner TU und an der Uni Lüneburg schon gibt, bieten die Berliner Hochschulen so etwas noch nicht an.

Die TU wäre hier ein Vorreiter. Thomsen will dazu das aktuelle Orientierungsprogramm „MINT grün“ auf möglichst viele Studiengänge ausweiten. Bei dem seit zwei Jahren laufenden Programm können Abiturienten schon jetzt in naturwissenschaftlichen Fächern der TU Eindrücke sammeln. Idealerweise können sie künftig quasi alles studieren. „Je mehr Fakultäten mitmachen, desto besser“, sagt Thomsen. „Zum Beispiel die Sozialwissenschaften.“

Theresa Staudacher findet das gut. Die 18-Jährige hat 2013 Abitur gemacht und nimmt derzeit an „MINT grün“ teil. „Ich wusste nach dem Abi gar nicht, was ich machen soll. Außer, dass es etwas mit Naturwissenschaften sein sollte“, sagt sie. „Das Orientierungsjahr war das Beste, für das ich mich entscheiden konnte.“ Den Plan, es auf andere Fächer auszuweiten, hält sie für eine gute Idee. „Dann würden noch mehr Studenten davon profitieren. Ich glaube, das würde vielen etwas bringen.“

Seit der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre häufen sich Stimmen wie die von Theresa. Die Abiturienten sind jünger geworden, unentschlossener. Auch deshalb beobachten die anderen Berliner Unis Thomsens Pläne für die TU mit wachsendem Interesse. „An der FU entsprechen viele Studiengänge nicht den klassischen Schulfächern. Deshalb finden wir die Idee einer Orientierungsphase gut“, sagt FU-Vizepräsident Michael Bongardt. „Bei der Planung stehen wir allerdings noch ganz am Anfang. Wie dieses Programm bei uns konkret aussehen soll, wissen wir noch längst nicht.“

Bei der NC-Frage hingegen sei man schon weiter, hier will es die FU der TU gleichtun: Im nächsten Wintersemester werde fast die die Hälfte aller Studiengänge zulassungsfrei angeboten, so Bongardt. Da es sich bei den meisten allerdings um sehr kleine Fächer handele, würden von dieser Neuerung an der FU wohl weniger Studieninteressierte einen Vorteil haben als an der TU.

Unter den bereits Immatrikulierten, die von den Vorhaben des TU-Präsidenten kaum betroffen sein werden, stoßen die Pläne auf ein geteiltes Echo. Eine Orientierungsphase für Erstis finden viele gut. „Allerdings müssten sie dabei gut an die Hand genommen werden“, sagt Tanja Hille, die an der FU Politikwissenschaft studiert. „Sonst erschlägt sie das große Angebot und sie hören sich vielleicht Vorlesungen an, die zu kompliziert für den Anfang sind.“ Die NC-Befreiung hingegen halten einige für riskant. „Unsere Hörsäle sind jetzt schon voll“, sagt etwa Jannis Brodmann, der an der TU Wirtschaftsingenieurwesen studiert. „Wenn die Uni die NCs aufhebt, wird der Ansturm noch größer.“

Eine Möglichkeit, diesem Problem zu begegnen, wäre, auf andere Zulassungsverfahren zu setzen. Wer sich an manchen Unis zum Beispiel auf einen Masterplatz bewirbt, muss oft ein Motivationsschreiben abgeben oder gar eine Interviewrunde überstehen.

TU-Präsident Thomsen kennt diese Konzepte, er weiß auch um die Sorgen seiner Studenten. Auf einige beliebte Fächer werde es deshalb wohl auch immer eine NC-Beschränkung geben, Wirtschaftsingenieurwesen sei eines davon. Bei vielen anderen Studiengängen aber halte er die Abschaffung für möglich, ohne dass die Uni vor Studenten überquillt. „Ich bin zuversichtlich, dass unsere Pläne aufgehen. “ Den NC durch andere Beschränkungen zu ersetzen, lehnt Thomsen ab. „Zulassungsfrei heißt: Es gibt keine Auswahlverfahren“, sagt er. „Das ist sicherlich ein bisschen Trial and Error. Aber die Uni wird deshalb nicht auseinanderbrechen.“

Und was halten die FU-Studenten von den Plänen? Wir haben uns auf dem Campus umgehört.

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