Studitausch – Willkommen in meinem Leben | FURIOS Online
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Studitausch – Willkommen in meinem Leben

Einmal alles Eigene aufgeben – Wohnung, Kurse, Freunde – und in ein anderes Leben schlüpfen: Max Krause und Mara Bierbach wagten zwei Tage lang den Ausbruch. Ein Tausch-Tagebuch.

Mara ist Nordamerikastudentin und hat gerade ihre Masterarbeit abgegeben. Max studiert Mathe und wollte in diesem Semester unbedingt einen Kurs in Historischem Fechten machen. Für drei Tage tauschten sie WGs, Tagespläne und Lieblingsserien. Ein Tagebuch ihres mittelmäßig lehrreichen Austausches.

Mara ist Nordamerikastudentin und hat gerade ihre Masterarbeit abgegeben. Max studiert Mathe und wollte in diesem Semester unbedingt einen Kurs in Historischem Fechten machen. Für drei Tage tauschten sie WGs, Tagespläne und Lieblingsserien. Ein Tagebuch

Montag 13.25    Ich verlasse mein Leben wie morgens die Wohnung: Halbfertig, gerade das Nötigste getan. Das Bett ist abgezogen, aber nicht frisch gemacht. Ich denke, das ist authentisch. Und ich bin nicht sehr motiviert, alles blitzblank zu put- zen. Vielleicht sollte ich nochmal anrufen, um sicherzugehen, dass alles klappt. (Max)

13.30 Mein Handy klingelt. Max. Er hat nicht, wie ich gehofft hatte, unsere Verabredung verpeilt. Shit, shit, shit. Ich stehe in meinem halbsortierten Chaosaus Klamotten, Büchern, Notizblöcken und Wollmäusen. Dem werde ich in einer halben Stun- de auf keinen Fall Herr. Wir verschieben den Tausch um zwei Stunden nach hinten. (Mara)

16.00    „Meine“ Wohnung ist hell und mein Zimmer ziemlich pink. Alles ist sehr sauber. Mein erster Blick gilt dem Bücherregal, die sicherste Art, Menschen zu beurteilen. Wer bin ich also? Offensichtlich studiere ich Nordamerikastudien. Man könnte meinen, ich sei in einem Archiv amerikanischer Klassiker gelandet: The Great Gatsby, Catcher in the Rye, Of Mice and Men. Zumindest nicht nur seichte Unterhaltungsliteratur, aber es gibt wenige persönliche Akzente. Und gar nix zu meinem Faible für TKKG und Kochbücher?

16.30    Ich treffe meine neuen Mitbewohner. Vincent ist Physikstudent; er streckt nur kurz seinen Kopf aus dem Zimmer. Tobi ist kontaktfreudiger. Er unterrichtet Italienisch und Französisch und spricht wohl deshalb in diesem leicht belehrenden Singsang. Er erzählt mir stolz, dass seine Schule zu den besten in Pankow gehört. Toll, da gibt’s gleich ein Sternchen ins Klassenbuch. Gemein! Tobi ist voll nett!

16.45     Als ich in Max’ WG ankomme, begrüßen mich freundlich zwei weiß-graubraun gemusterte Katzen. Die Erkundung meines neuen Zimmers bringt wenig Interessantes zutage. Die Einrichtung ist funktional, minimal, fast alles in Schwarz, was mir in einem dunklen Parterre-Zimmer irgendwie nicht die beste Idee zu sein scheint. Was du nicht sagst! Die größte Entdeckung: Ein Bravo-Poster einer halbnackten Rihanna liegt ganz oben im Papierkorb. Huch?! War ein Spaß-Geschenk zum Geburtstag – ehrlich.

18.00    Ich muss ein paar Besorgungen machen und greife mir das Skateboard, das in der Ecke des Zimmers liegt. Wie schwer kann das schon sein? Einige Beinahe-Stürze, Zusammenstöße und Gleichgewichtsprobleme später bin ich bei Penny angekommen, es hat höchstens zehn Minuten länger gedauert als zu Fuß.

20.00    Der Kühlschrank der WG bietet unter anderem wunderschön halbvergammelte Pilze. Eine Gemüsepfanne mit Kochbeutelreis: Zählt das noch als »was Schnelles«? Das war Max’ Anweisung in punkto Abendessen. Beim Essen lerne ich Kathi kennen: Mitbewohnerin, Urberlinerin, Vegetarierin und aufopfernde Katzenbesitzerin. Sie kocht für ihren hochallergi- schen Kater Pferdefleisch mit Reis, was ich einerseits anrührend und andererseits als ehemalige „Wendy“-Leserin voll eklig finde.

21.00    Das „kiki sol“ ist eine kleine, unscheinbare Bar im Wedding. Nervös schiele ich auf die Uhr: Ein soziales Event steht bevor. Ich werde Claire treffen. Sie stammt aus den USA und ist Maras beste Freundin. Zusammen sehen wir »The Nose«, ein englischsprachiges Stand-Up-Comedy-Programm. In der Pause gehen wir an die Bar. Meine Bestellung – ein Glas Rotwein – bringt mir einen missbilligenden Blick ein. Ich solle Bier trinken, meint Claire. „You’re Mara now, don’t you have to drink what she drinks?“ Ich erkläre ihr, dass ich kein Bier mag. „So you’re from Germany and don’t like beer?“, fragt sie lachend. „Is that even allowed?“ I know, right? Shouldn’t be.

Dienstag 10.20    Die Sonne scheint, als ich aufwache, und zwar viel zu hell. Die Vorhänge sind mehr Zierwerk als Lichtschutz. So ein Mist! Ich habe Zeit, „meine“ Masterarbeit ist schließlich abgegeben, ich könnte ausschlafen. Aber so geht das natürlich nicht.

10.25    Der Dozent hat zum Glück gerade erst angefangen, als ich verspätet in die Vorlesung „Dynamical Systems“ schleiche und mich in eine Ecke setze.

10.45 Mein Frühstück: Joghurt mit Banane und Leinsamen. Klingt… gesund? Zum Glück ist mir erlaubt, dazu ein Brot mit Schokoaufstrich zu essen. Der Morgen ist gerettet. Hast du die Banane denn auch gematscht und Zitronensaft dazugetan?

11.00    Der Professor scheint beliebt zu sein. Er reißt Witze, die scheinbar alle im Saal verstehen. Außer mir. Fühle mich ein bisschen wie beim Filmeschauen auf Französisch: Ich erkenne einzelne Wörter, schaffe es aber nicht, einen Gesamtzusammenhang zu finden. f steht für Funktion, klar, IR ist die Menge der reellen Zahlen, Dx ist eine Ableitung, … „Bahnhof“? Bei den Geisteswissenschaften kann man in der Mitte einer Seminars einsteigen und trotzdem fast alles verstehen.

13.00    Meine Aufgabe heute Nachmittag: Maras Lebenslauf ins Englische übersetzen. Ich öffne das Dokument – Praktikum, Auslandauf- enthalt, Stipendium. Nicht übel. Mit dem Übersetzen meines eigenen Lebenslaufs wäre ich
deutlich schneller fertig.

13.50    Als ich aus der Vorlesung komme, hat sintflutartiger Regen den Sonnen- schein vom Morgen abgelöst. Da ich bis zum Unisportkurs am Abend frei habe, verkrieche ich mich im Bett mit einer von Max’ Lieblingsserien: „Buffy the Vampire Slayer“. Dialoge und Schauspielleistungen sind so hölzern wie die Pflöcke, die Buffy den Vampiren ins Herz treibt. Und die 90er-Mode! Es ist großartig. Du verpasst den ganzen subtil-avantgardistischen Genderaspekt, der der Serie zugrunde liegt.

15.00    Ich hätte Hausschuhe mitnehmen sollen. Barfuß durch Max’ WG zu laufen bedeutet ein ungewolltes Hornhaut-Peeling dank einer schwer zu definierenden Mi- schung aus Katzenstreu und anderem Bodenbelag.

15.40    Ich habe eine Stunde im Internet vertrödelt und finde jetzt keine zufriedenstel- lende Übersetzung für „Campusmagazin“. Frustriert werfe ich das Handtuch.

18.55    Ich bin spät dran und finde meinen Anschlussbus nicht, weil die BVG mir online Blödsinn erzählt hat. Es regnet immer noch in Strömen. Außerdem ist es kalt. Blöde BVG. Blödes Wetter. Blöder Max. Ein bisschen mehr Mühe hätte er sich schon ge- ben können bei den Wegbeschreibungen. Stell dich nicht so an, ein bisschen Abenteuer soll doch auch
dabei sein.

19.10    Bei einem Gastvortrag am John-F.-Kennedy-Institut fallen wichtig und groß klingende Begriffe wie „neue Ernsthaftigkeit“ und „Postironie“. Überhaupt scheint alles post-irgendwas zu sein. Postironisch, postmodern, posthumanistisch… Am Ende des Vortrags habe ich eine posttraumatische Störung – neue Erkenntnisse aber nicht.

19.20    Zwanzig Minuten zu spät schlage ich beim Kurs für Historisches Fechten auf. Der Trainer, ein mittelalter, drahtiger Träger eines unironischen Schnauzbartes, teilt mir freundlich, aber bestimmt mit, dass es für mich keinerlei Extrawürste gebe. Ich soll einfach versuchen, mitzuhalten. Ich bin gnadenlos überfordert.

20.00   Mein letzter Termin: Improtheater-Gruppe. Jonas, der Leiter der Gruppe, schaut mich fragend an,
als ich durch die Tür komme. Dann hellt sich sein Gesicht auf: „Du bist Mara, richtig?“ Zuerst wärmen wir uns auf, das heißt: Schnell sein, laut sein, reagieren. Wer versagt, muss zur Strafe einmal im Kreis rennen und „I’m so sexy« singen.

20.10    Hätte mir historisches Fechten irgendwie Game-of-Thrones-mäßiger vorgestellt. In einer stinknormalen Sporthalle in labbrigen Sportklamotten ist das Ganze ziemlich unglamourös. Und mir erscheint das Training buchstäblich etwas einseitig – man schwingt das Dingsdabums    Dolch? Schwert?    ja immer nur mit einem Arm. Die Edelmänner im Mittelalter müssen ausgesehen haben wie Mutanten, mit je einem Vin-Diesel- und einem Zach-Braff-Arm. Meins ist das nicht.

21.15    Es wird ernst: Das wirkliche Improvisieren beginnt. Die Leute wollen Klischees sehen, sagt Jonas. Also bringt er uns bei, wie man einen indischen Akzent nachahmt. Wieder was gelernt!    Akzente nachmachen? Voll politisch inkorrekt. Sowas machen wir sonst nie!   Dann spielen wir Bollywood: In einem Moment befinden wir uns auf einer Polizeiwache, im nächsten fangen wir grundlos an zu tanzen. Schließlich lande ich vor einem Erschießungskommando und unsere Zeit ist vorbei.

22.00    Max’ supernette Freundin Lea erwartet mich in ihrer netten, frisch renovierten und supersauberen WG im Wedding – ein angenehmes Kontrastprogramm.    Sehr witzig. Du hast wohl noch nie eine wirklich dreckige WG gesehen.    Sie hat gekocht. Normalerweise würde ich mir über die Geschlechterdynamik Sorgen machen – Tarzan/Max kommt nach Hause und Jane/Lea hat schon das Essen fertig? Aber jetzt bin ich einfach froh, nach dem langen Tag nicht selbst kochen zu müssen.

Mittwoch 9.30    Ich habe verschlafen. Mist, gleich kommt Mara zur Schlüsselübergabe! Hier ist alles noch Chaos, meine Klamotten überall, das Bett nicht gemacht. Schnell stopfe ich Zeug in meine Tasche und bringe das Bett zurück in seinen Ursprungszustand.

10.00    Als ich wieder zu Hause ankomme, sieht alles fast so aus wie bei unserem Tausch vor zwei Tagen: sehr ordentlich. Sogar das Bett ist gemacht. Mein erster Gedanke: Max, hast du etwa auf dem Bett geschlafen? Also, so oben drauf, auf der Tagesdecke? Vielleicht wäre es authentischer gewesen, Max mein normales Halbchaos zu hinterlassen.

10.04    Haben wir was gelernt? Hauptsächlich, dass ich mein eigenes Chaos lieber als fremdes Chaos mag. Und dass ich ordentlicher tue, als ich bin. Du?    Skaten ist schwerer, als ich dachte. Ein indischer Akzent entsteht, wenn man die Zunge hin- ten behält. Und eigentlich mag ich mein eigenes Leben ganz gerne.    Ich auch.

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