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Und tschüss!

Anna Auckenthaler und Klaus Roth müssen raus aus der FU. Mit ihnen verschwinden Fachbereiche, die einst fester Bestandteil ihrer jeweiligen Disziplin waren. Karl Kelschebach hat mit den beiden scheidenden Wissenschaftlern gesprochen.

aussterbende

Illu: Luise Schricker

Behaglich mutet Anna Auckenthalers Büro nicht an. Die Wände sind kahl, der Schreibtisch ist leer, das Sofa zur Hälfte abgebaut. Die Professorin deutet auf die Regale, in denen vereinzelte Aktenordner ihrer Entsorgung harren: „Wie Sie sehen, bin ich dabei, meine Zelte abzubrechen.“

Auckenthaler betreut Bachelor-, Master-, und Dissertationsarbeiten, gibt am Fachbereich Psychologie und Erziehungswissenschaft sogar noch Seminare – doch eine Professur hat sie nicht mehr. An sich wäre das kein Grund zur Klage, denn Auckenthaler hat das Pensionsalter erreicht. Doch mit ihr verschwindet auch ihr Spezialgebiet aus den Hörsälen: die Gesprächspsychotherapie. Deren letzte Bastion an deutschen Universitäten hatte Auckenthaler mit ihrer Professur gehalten.

Es ist nicht das einzige Fachgebiet, das an der FU verschwindet. Ganze Arbeitsbereiche werden vom akademischen Wandel erfasst: Was heute noch die Säule einer Disziplin ist, kann morgen schon ein Randdasein fristen. Deutschlandweit fielen in den vergangenen Jahren 1500 Professuren Streichungen zum Opfer. Besonders betroffen sind dabei mit 700 gestrichenen Stellen die Geisteswissenschaften. Die FU haben 2013 offiziell 22 Professorinnen und Professoren verlassen. Viele dieser Stellen werden im Anschluss nicht wieder besetzt.

So ist es auch bei Auckenthaler, die zu diesen 22 Profs gehört. Schon länger beäugen Vertreter der akademischen Psychologie die Gesprächspsychotherapie mit Argwohn. Die Einfühlung in den Klienten, die wertschätzende Haltung des Therapeuten – das missfällt Psychologen, die auf quantitative Forschung und allgemeine Erklärungsmuster setzen. Wenn auch ihr Erfolg empirisch erwiesen ist: An der Uni ist die Gesprächspsychotherapie nicht mehr en vogue. Deshalb steht sie vor dem Aus.

So wird aus dem Generationenwechsel in der Psychologie auch ein fachlicher Wechsel. Mit Wehmut blickt Auckenthaler auf die Blütezeit ihres Fachs an der Uni zurück, die von den 1970er bis in die frühen 1990er Jahre reichte – es war, wie Auckenthaler es formuliert, nur „ein kurzes Gastspiel“ . Dessen letzte Akteurin tritt nun ab.

Auch alteingesessene Arbeitsbereiche müssen um ihre Existenz fürchten. Das zeigt die Vernachlässigung der Politischen Ideengeschichte am Otto-Suhr-Institut (OSI). Sie ist eine der Säulen der Politikwissenschaft. Klaus Roth, der die letzte Professur für Ideengeschichte am OSI innehat, geht noch weiter. „Von der Sache her ist sie das Zentrum. Politische Ideengeschichte ist für die Politikwissenschaft, was für eine Sprache die Grammatik ist. Ohne sie läuft man Gefahr zu dilettieren“ , doziert er in seinem kleinen Büro.

Offenbar sehen das an der FU manche anders. Als Roth 2006 Dozent am Institut für Politikwissenschaft wurde, hatte man seine Professur bereits von einer Voll- auf eine Gastprofessur reduziert. 2009 strich das Präsidium auch diese. Den Vorschlag der Universitätsleitung, sich mit befristeten Lehraufträgen am Institut zu begnügen, wies Roth als „sittenwidrig“  zurück. Ein Bündnis hochschulpolitischer Studierendengruppen machte sich für die Professur stark. Viele erkannten in Roth einen wahren Wissensvulkan.

„Die Studierenden setzten meinen Fall in allen Gremien auf die Agenda“ , erinnert sich Roth mit Genugtuung. „Sie kämpften einerseits für die Stelle Politische Ideengeschichte und andererseits für mich.“  Beides mit Erfolg: Seit dem Sommersemester 2010 ist Roth wieder Gastprofessor an der FU. Dennoch steht es nicht eben gut um seinen Arbeitsbereich: Nur noch ein Alibimodul in Politischer Theorie müssen die Studierenden laut neuer Prüfungsordnung absolvieren – damit man später behaupten könne, es gebe keinen Bedarf an Lehre, vermutet Roth. Wird die Ideengeschichte am OSI bald selbst Geschichte sein? Natürlich beteuert die Pressestelle der FU, dass auch in Zukunft „das Spektrum des ganzen Faches“  abgedeckt werde. Die zahlreichen neu an die FU berufenen Dozenten stimmen zuversichtlich, dass es an personellen Kapazitäten dafür auch nicht mangeln wird. In der Zeit von 2010 bis 2013 haben 143 Professorinnen und Professoren die FU verlassen, während rund 220 neue hinzukamen. Keiner von ihnen ist jedoch am Arbeitsbereich Ideengeschichte am Otto-Suhr-Institut gelandet. Roth fürchtet: „Wenn es 2019 nicht wieder eine studentische Mobilisierung gibt, ist der Arbeitsbereich weg!“

Tanja Börzel, der gesch.ftsführenden Direktorin des Otto-Suhr-Instituts, wäre das ganz recht: Ideengeschichte sei lediglich Teil der Politischen Theorie, die mit „Moderne politische Theorie“  bereits über eine Professur verfüge und üppig ausgestattet sei. Die Gastprofessur, die man 2010 eingerichtet habe, könne man auf Dauer aber nicht halten, teilt sie mit. Schließlich erwirtschafte man mit Ideengeschichte keine Drittmittel.

„Dieser Drittmittelwahn ist eine Katastrophe “ , seufzt Roth. „Inzwischen ist die Drittmitteleinwerbung am Institut wichtiger als die Betreuung der Studierenden.“  So triumphiert denn der Arbeitsbereich Internationale Beziehungen, dessen Projekte ordentlich Geld in die Kassen spülen. Angesichts seines breiten Themenspektrums, das von Friedens- und Konfliktforschung bis zur Europäischen Integration reicht, habe es damit fachlich auch seine Richtigkeit, findet Börzel: „Die Internationalen Beziehungen sind fachlich ein sehr viel größerer Bereich als die Ideengeschichte!“

Roth kann darüber nur den Kopf schütteln: „Ich habe dreieinhalb Jahrtausende abzuarbeiten!“  Besonnen streicht der Wissenschaftler seinen wild wuchernden Bart, rückt seine Lesebrille zurecht – und verhehlt doch seinen Ärger nicht: „In der Ideengeschichte reflektiert sich das Selbstverständnis der Menschheit. Ohne sie hängt das Ganze in der Luft.“  Wenn Europas größtes Politikinstitut das nicht einsehe, sei das eine „Bankrotterklärung“ .

Anna Auckenthaler ist der FU gegenüber milder eingestellt. Dass die akademische Psychologie mit der Gesprächspsychotherapie gebrochen habe, sei nicht die Schuld der FU, sondern Teil eines politisch forcierten Trends der Psychologie zur Medizin. Aus dem akademischen Mainstream höre man Abfälligkeiten über ihr Spezialgebiet, „die für diejenigen entwürdigend sind, die sie von sich geben.“  Dennoch finden Veranstaltungen zur Gesprächspsychotherapie an der FU regen Zulauf. „Die Studierenden haben ein gesundes Gespür dafür, dass auf der einen Seite immer von Diversität gesprochen wird, auf der anderen aber alles auf eine Einheitspsychotherapie zurückgeführt wird.“

Schon in ihrem Büro merkt man, dass Auckenthaler gebraucht wird. Kurz darauf schaut ein Kollege vorbei, klingelt das Telefon, klopft eine Studentin an die Tür. Das lebhafte Ende einer akademischen Laufbahn – und eines Arbeitsbereiches.

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