Der Empörte Student | FURIOS Online
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Bis dahin viel Spaß mit unseren wöchentlichen Ferienserien FURIOS auf Reisen und Berlins Bibliotheken im Test!

Der Empörte Student

Die Philologische Bibliothek ist der Stolz der FU. Aber ein Ort zum Lernen? Wohl eher nicht. Maik Siegel jedenfalls steht mit der Bücherhöhle auf Kriegsfuß.

Illustration: Luise Schricker

Illustration: Luise Schricker

Oh Philologische Bibliothek,

du optisches Aushängeschild, du Sehenswürdigkeit, du pittoreskes Postkartenmotiv – leck mich doch.  Dein Name klingt gewichtig nach Geist und Wissen, dein Schöpfer ist niemand Geringeres als Norman Foster, der weltberühmte Architekt. Will das Präsidium die Prüfer der Exzellenz-Initiative überzeugen, führt es sie an dir vorbei. Wird eine Professorin für die Zeitung abgelichtet, posiert sie vor dir. Und wenn ein potenzieller Student auf Erkundungstour an dir vorbeistreift, dann verfliegen all seine Zweifel – so modern, so imposant, so mächtig thronst du vor uns allen. Studenten haben dir sogar liebevoll den Spitznamen „The Brain“ verpasst.

Passender wäre jedoch „The Brainfuck“. Denn dein Sein ist vor allem schöner Schein. In Wahrheit bist du eine Geißel für mich, der doch nur in Ruhe ein Buch lesen und ab und an eine einfache Kopie machen will. Wie eine weißhäutige Nymphe lockst du mich in all deiner Pracht durch die gläserne Drehtür, in der ich jedes Mal den Tod durch qualvolles Zerquetschtwerden fürchte, hinein in dein büchergeschwängertes Reich – nur, um mich an dir verzweifeln zu lassen.

Erst vor acht Jahren erbaut, wirkst du heute schon wie eine tattrige Greisin: Regnet es, stellen deine Untertanen Armeen von Eimern auf, weil du leckst wie ein gekenterter Öltanker. Beständig erfüllt dich ein Hämmern und Klopfen (vorzugsweise während der Öffnungszeiten), weil es an dir knarzt und bröckelt. Rasend schnell bist du vom Glanz zum Elend verkommen. Trostlos ist noch das netteste Wort, das mir zu dir einfällt. Wenn ich an einem deiner endlos mäandernden Tische sitze, fällt mein Blick auf trübselige Kalkablagerungen an deinen dreckigen Wänden oder auf deine nur winzigen Öffnungen, die mir spöttisch den Himmel draußen zeigen – den unerreichbaren, weil ich in deinem Bauch verschwinden muss. Am schlimmsten aber ist deine Akustik: Im dritten Stock sitzend, kann ich problemlos die Gespräche meiner Kommilitonen zwei Stockwerke unter mir verfolgen, ein vereinzeltes Husten schallt von deinen Wänden zurück durch den ganzen Bau, und die Tastaturenschläge an den bereitgestellten Computern donnern so laut wie Wagners Götterdämmerung durch deine Gänge.

Und spätestens zum Ende jedes Semesters verwandelst du dich, ob deiner mickrigen Größe, in ein Schlachtfeld. Sonst so friedfertige Geisteswissenschaftler werden zu grobschlächtigen Schlägertypen, wenn sie um Kopierer und Schließfächer kämpfen. In dieser Kriegszeit beginne ich meine Kommilitonen zu hassen; etwa, wenn sie die Bibliothek verlassen, kurz etwas in ihren Fächern verstauen und dann ganz gemütlich zur Mensa spazieren – mit maliziösem Grinsen an uns Wartenden vorbei, die wie die Lämmer vor der Schlachtbank ausharren müssen, um lernen zu dürfen.

Nein, liebe Philbib – mich täuschst du nicht mehr mit deiner angeblichen Schönheit. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass es auf die inneren Werte ankommt. Und da sieht’s zappenduster bei dir aus.

 

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