Aus für die Labormaus | FURIOS Online
FURIOS wünscht Euch schöne Semesterferien! Aktuelles rund um die FU gibt es hier wieder ab dem 13. Oktober.
Bis dahin viel Spaß mit unseren wöchentlichen Ferienserien FURIOS auf Reisen und Berlins Bibliotheken im Test!

Aus für die Labormaus

Millionen Versuchstiere werden jährlich der Wissenschaft geopfert. Dank Schönheitsoperationen könnte damit bald Schluss sein. FU-Forscher züchten aus Hautresten Ersatzmaterial für Tierversuche. Von Josta van Bockxmeer

Illustration: Chenoa Dix

Illustration: Chenoa Dix

Günther Weindl öffnet einen Brutschrank und holt eine Plastikschale hervor, in der münzgroße Kuhlen eingelassen sind. Sie enthalten eine rote Flüssigkeit, auf der eine hauchdünne weiße Schicht zu sehen ist: Menschliche Haut, frisch gezüchtet. Die Stückchen sehen unscheinbar aus, jedoch sind sie von großer Bedeutung. An ihnen testen der Pharmakologie-Professor und seine Doktoranden Stoffe, die später in Kosmetikprodukten und Medikamenten verarbeitet werden sollen.

Die Hautmodelle sind ein wichtiger Ersatz für die Versuchstiere, an denen Forscher bisher Kosmetika und Arzneien testen. Dafür wurde der 38-Jährige zuletzt ausgezeichnet. Das Land Berlin verlieh ihm den mit 15.000 Euro dotierten Wissenschaftspreis zur Erforschung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden für Tierversuche. Das Tierschutzbündnis Berlin verlieh ihm einen Zusatzpreis in Höhe von 5000 Euro.

Dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zufolge kamen 2012 deutschlandweit mehr als 2 Millionen Mäuse, rund 418.000 Ratten sowie mehr als 160.000 Fische und 97.000 Kaninchen in der Forschung zum Einsatz. Dass Forscher gerade so viele Mäuse brauchen, liege an der Beliebtheit der sogenannten Knock-out-Mäuse, sagt Weindl. Diesen Nagern fehlt ein bestimmtes Gen, wodurch Forscher an ihnen verschiedene genetisch bedingte Krankheiten untersuchen können. „Knock-out-Mäuse sind der Goldstandard in der Grundlagenforschung“, so der Professor.

Tierversuche reduzieren und ersetzen

Um das zu ändern, gründeten Forscher der FU gemeinsam mit Kollegen der Universität Potsdam die Forschungsplattform BB3R. Beteiligt sind außerdem die Charité, die TU, das Bundesinstitut für Risikobewertung sowie das Konrad-Zuse-Institut. Der Name steht für Berlin-Brandenburg und die drei Hauptforderungen der Wissenschaftler an die Forschung an Tierversuchen: „Replacement, Reduction und Refinement“. Weindls Arbeit trägt zum Ersatz von Tierversuchen bei. In anderen Teilprojekten untersuchen Kollegen, wie sie die Zahl der verwendeten Tiere durch effiziente Methoden verringern, oder die Tiere besser behandeln können, etwa mit Narkosemitteln.

BB3R ist weltweit eines der größten Institute auf seinem Gebiet und das erste in Europa, das Doktoranden ausbildet. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt. Der Zeitpunkt für die Gründung einer so umfangreichen Forschungsplattfform zum Ersatz oder zur Verbesserung von Tierversuchen ist nicht zufällig gewählt. Seit 2013 sind in Europa sind Tierversuche bei der Herstellung von Kosmetikprodukten verboten. „Die Zeit ist abgelaufen“, so Weindl. Mit Versuchen wie dem sogenannten Mausohr-Schwelltest soll dann bald Schluss sein. Dabei geben Forscher einen chemischen Stoff auf die Ohren der Mäuse und warten ab, ob und wie stark die Ohren anschwellen. Auch der sogenannte Lymphknotentest würde dann überflüssig. Bei diesem werden den Mäusen nach auftragen der Substanz die Lymphknoten entfernt. Die Forscher beobachten dann, wie schnell sich die Immunzellen vermehren.

Das Herstellen von menschlichen Hautproben ist zwar schon länger möglich, wird im BB3R aber weiterentwickelt. Für ihre Proben verwenden die Forscher Haut aus dem Abfall von Schönheitsoperationen. Sie zerlegen die Haut und setzen sie anschließend wieder zusammen. Das Züchten der Proben dauert ungefähr vier Wochen. „Die selbstgemachten Modelle seien für die Forschung geeigneter als echte Haut,“ meint Weindl. Ihre Zusammensetzung könne dann nämlich genau kontrolliert werde. Den Hautstückchen fügt er dann Immunzellen hinzu, um zu schauen, wie diese auf chemische Stoffe reagieren. Auch die Forschung an hellem Hautkrebs, die weniger aggressive Form dieser Krankheit, bildet einen Schwerpunkt in BB3R: „Es werden Tumorzellen in die Hautproben gegeben und dann verschiedene Behandlungsmethoden getestet.“

Mäusen das Leben retten

Weindl hofft, dass er und seine Kollegen durch ihre Arbeit mehrere zehntausend Versuchsmäuse retten können. Das ist aber nur ein Bruchteil der Tiere, die jährlich in der Forschung zum Einsatz kommen. Weindl weiß das: „Wir arbeiten an kleinen Teilgebieten“, sagt er. Für viele Medikamente seien Tierversuche weiterhin notwendig, da es noch keinen guten Ersatz gebe. An den Hautmodellen könne zum Beispiel nicht getestet werden, ob ein Wirkstoff in den Kreislauf gelangt. Auch die Knock-Out-Mäuse werden wohl weiterhin beliebt bleiben. „Tierversuche komplett abzuschaffen ist in absehbarer Zeit nicht möglich“, erklärt Weindl.

Horst Spielmann, Tierschutzbeauftragter des Landes Berlin, begrüßt die Initiativefür BB3R. Der 72-Jährige Arzt und Honorarprofessor für Toxikologie an der FU ist einer der Pioniere alternativer Forschungsmethoden in Deutschland: Er hat an der Entwicklung des Verfahrens für die Züchtung der Hautmodelle mitgearbeitet. „Tests an menschlicher Haut sind verlässlicher als die an Tieren“, sagt Spielmann. Doch auch er ist der Meinung, dass für viele Fragen noch weitere Forschung notwendig ist: „BB3R ist viel zu wenig“.

Sowohl Weindl aus auch Spielmann setzen viel Hoffnung auf ein spektakuläres Projekt, das derzeit an der TU läuft und auch zu BB3R gehört. Auf einer Chipkarte so groß wie ein Smartphone ahmen Forscher einen menschlichen Organismus nach. Die Nachbildungen menschlicher Organe, die echte Zellen enthalten, werden durch kleine Kanäle miteinander verbunden. Wie in einem menschlichen Kreislauf wird dann Blut durch das System gepumpt – das Ganze erinnert jedoch eher an das Innenleben eines Computers. An diesem „Human-on-a-chip“ könnten Forscher das Eindringen von verschiedenen Wirkstoffen in die Organe testen. Vielen Tieren blieben dadurch die tödlichen Versuchsreihen erspart. Woran es ihrer Forschung vor allem fehle, sei Geld, so Weindl und Spielmann. Obwohl die Methoden Weindl zufolge nicht unbedingt teurer seien als Tests an Tieren, erhielten sie weniger Fördergelder. Die endgültige Abschaffung von Tierversuchen hat keine mächtige Lobby. Der Tierschutz-Experte Spielmann hat das selbst erlebt: „Die Versuchstiere können nun mal nicht für sich selbst sprechen.“ Sie sind auf die Fortschritte der Forschung angewiesen.

Kommentar verfassen

Traut euch!

Bei der Lesung „DareYourWriting” stellen fünf Autoren und Autorinnen aus aller Welt ihre Texte vor. Vier FU-Studentinnen organisieren die Veranstaltung. Dorothea Drobbe hat mit ihnen gesprochen.   » weiterlesen