Auf Knochen gebaut | FURIOS Online
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Auf Knochen gebaut

Der Campus Dahlem – ein Ort der Wissenschaft und ihrer Abgründe. Zur NS-Zeit wurde in einigen Gebäuden Rassenforschung betrieben. Die Spuren davon ragen bis in den heutigen Uni-Alltag hinein. Von Alexandra Brzozowski

Der Campus Dahlem beherbergt eine düstere Geschichte. Illustration: Angelika Schäfer

Der Campus Dahlem beherbergt eine düstere Geschichte. Illustration: Angelika Schaefer

 

Juni 2014: Ein Knochenfund auf dem Gelände der FU. Bei Sanierungsarbeiten an der Universitätsbibliothek wurden im Sommer dieses Jahres menschliche Überreste gefunden. Noch bevor die Polizei ein Statement veröffentlicht, entsteht ein düsterer Verdacht. Einige Meter entfernt stand vor einem halben Jahrhundert das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, das tief in die nationalsozialistische Rassenforschung verstrickt war.

Hierhin schickte der KZ-Arzt Josef Mengele Organe, Blutproben und Leichtenteile von Häftlingen aus dem Vernichtungslager Auschwitz zur weiteren Untersuchung und Auswertung. Die entdeckten Knochen – ein Schatten der Vergangenheit? Das rechtsmedizinische Gutachten der Polizei ergab, dass es sich beim Fund um menschliche Knochenfragmente handelt. Die Rechtsmediziner gehen von einer Liegezeit im Erdreich ‚von mehreren Jahrzehnten‘ aus, erklärte die FU kürzlich. Es bleibt Raum für Spekulationen.

Die Freie Universität, wie sie heute besteht, war an den Verbrechen des NS-Regimes nicht beteiligt. Sie wurde erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gegründet. Doch schon vor rund 100 Jahren forschte die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) auf ihrem Gelände und in ihren heutigen Gebäuden.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden einige der Dahlemer KWG-Institute in die Dienste der Kriegs- und Rassenforschung gestellt. Herausragende Wissenschaftler – unter ihnen Namen wie Albert Einstein oder Lise Meitner – wurden nach Durchsetzung der Rassengesetze gezwungen, die Institute zu verlassen, einige flüchteten ins Exil. Viele derjenigen, die blieben, stellten sich – direkt oder indirekt – in die Dienste der neuen Machthaber.

Das Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Chemie beispielsweise, das heute das biochemische Institut der FU beherbergt, wurde während des Zweiten Weltkriegs dem Militär unterstellt und in das sogenannte Uranprojekt eingebunden. Unter diesem Namen forschte die Wehrmacht über die Anwendungsmöglichkeiten der Kernspaltung: als Energiequelle, vor allem aber als Waffe. Gemeinsam mit dem KWI für Physik verfolgten die Forscher das Ziel einer deutschen Atombombe.

Vor allem aber das KWI für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik war eng mit dem Naziregime verbunden. Schon im Sommer 1933 verkündete Institutsgründer Eugen Fischer, dass sein Institut voll und ganz für die Aufgaben des jetzigen Staates zur Verfügung« stehe. Mediziner und Genetiker forschten hier zu Fragen der Humangenetik und Rassenhygiene. Auf dem Dachboden des Gebäudes lagerten Mengeles eingesendete Proben. Heute sitzen dort die Politikwissenschaftler und Studierenden des Otto-Suhr Instituts.

Dass die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg die Auflösung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft anordneten, bedeutete für viele Institutsmitarbeiter lediglich eine kurze Leerphase in ihrer Laufbahn. Zwar verloren 349 Mitglieder des Lehrkörpers im Zuge der Entnazifizierung ihre Stellen. Dennoch gelangten viele von ihnen in den folgenden Jahren wieder zu angesehenen Positionen im Wissenschaftsbetrieb. Ihre Mitwirkung an NS-Verbrechen wurden juristisch selten aufgearbeitet. Kaum einer musste sich vor Gericht verantworten.

So auch Eugen Fischer. Sein Mitwirken an der nationalsozialistischen Eugenik bedeutete nicht das Ende seiner Karriere.  Auch nach Kriegsende nahm er an Tagungen teil, wurde 1952 gar Ehrenmitglied der deutschen Anthropologie und der deutschen Gesellschaft für Anatomie. Noch in den 60er Jahren wurden seine Bücher verlegt und seine Theorien an deutschen Universitäten gelehrt. Kein Einzelfall.

Auch wenn sie einige Gebäude der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft übernommen hat – die Freie Universität ordnet sich dezidiert nicht in deren Tradition ein. Ihr Gründungsimpuls, so ein Sprecher der Universität, sei vor allem von Studierenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausgegangen, die sich nach den bitteren Erfahrungen der nationalsozialistischen Diktatur für Freiheit und Demokratie engagierten. Sie wollten frei von politischem Einfluss an der Freien Universität lernen, lehren und forschen.

Auch Philosophie-Professorin Hilge Landweer sieht für die FU keine direkte Schuld für die Rassenforschungen. Die FU wurde 1948 gegründet und ist deshalb nicht für diese Forschung verantwortlich, erklärt sie. Aber gerade die Universität sollte die Geschichte ihrer Gebäude zweifellos aufarbeiten, findet Landweer. Sie kann sich sicherlich nicht darauf ausruhen, dass sie immer schon besonders liberal und eher links war, sagt sie lachend. In manchen Aspekten sei die Universität das vielleicht noch. Aber das sollte einen nicht hindern, sich mit der Geschichte auseinander zu setzen. Im Gegenteil: Es ist ein Auftrag.

Am Otto-Suhr-Institut geschieht das zumindest von Außen schon – eine Gedenktafel erinnert an die Vergangenheit seiner Räume. Wissenschaftler haben Inhalt und Folgen ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu verantworten steht am Eingang in großen Lettern. Eine Mahnung an alle Forschenden.

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