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Lesestunde im Elfenbeinturm

Der Open Mike will ein Türöffner für junge Autoren sein und den Besuchern ein Wochenende voller spannender Lesungen bieten. Die Fachwelt lobt, das Publikum kritisiert. Was läuft da schief? Von Charlotte Steinbock.

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Die Gewinner des 22. Open Mike. Foto: Carla Hegerl

Ihre Texte liegen modernd in den Schubladen – nur wenige Werke junger Autoren schaffen es heutzutage bis in die Buchregale. Statt auf unbekannte Gesichter setzen Verlage häufig auf Promi-Autoren und Internetberühmtheiten. Schreiber, die ihr eigenes Publikum schon mitbringen. Für die Förderung von namenlosem Nachwuchs sind die Gelder zu knapp.

Gegen diesen Trend wendet sich der Open Mike, einer der wichtigsten deutschen Literaturwettbewerbe für Jungautoren. Seit 22 Jahren machen sich die Organisatoren der Literaturwerkstatt Berlin zum Ziel, unbekannten Autoren den steinigen Weg zur Erstveröffentlichung zu ebnen. Wer auf dieser Bühne liest, erreicht ein großes Publikum und kann erste Kontakte zur Verlagswelt knüpfen. „Es geht um öffentliche Wahrnehmung auch außerhalb der Fachwelt. Das kann nur ein Wettbewerb leisten“, erläutert Mitorganisatorin und FU-Dozentin Jutta Büchter. Entsprechend lesen sich die Teilnahmevoraussetzungen: Bewerben kann sich jeder, der jünger als 35 Jahre ist und noch keine eigene Buchpublikation vorzuweisen hat.

Der Andrang auf den Wettbewerb ist groß. In diesem Jahr mussten die sechs Lektoren aus rund 600 anonymen Einsendungen 22 Finalisten auswählen. Ob Kurzgeschichte oder Gedicht, bedrückende oder erheiternde Themen: Bei der Auswahl ging es nicht um „die Vermarktungsfähigkeit der Texte, sondern um ihre Schönheit“, erklärt Lektor Gunnar Cynybulk, verlegerischer Leiter im Aufbau Verlag.

In der öffentlichen Lesung im Heimathafen Neukölln hatten die Autoren 15 Minuten Zeit, um Publikum und Jury zu überzeugen. Über Erfolg oder Misserfolg entschied jedoch allein die Jury, die dieses Jahr aus drei renommierten Autoren bestand. Die Präsentationen der Texte hatten vor allem eines gemeinsam: Sie wirkten allesamt hochprofessionell.

Zu professionell für den Geschmack mancher Zuschauer. Unüberhörbar sei der Einfluss der Literaturinstitute, an denen viele Finalisten ausgebildet werden. Den kunstfertig durchkomponierten Texten fehle es an Authentizität: „Ich habe das Gefühl, die Technik stand im Vordergrund und nicht die Geschichte“, bemängelte ein Besucher.

Die Jury hingegen war sich in ihrer Entscheidung einig und verlieh den ersten Preis der Autorin Doris Anselm. Trotz begrenzter Szenerie, eröffne ihr Text eine ganze Welt, hieß es in der überschwänglichen Laudatio.

Welten scheinen auch zwischen der Einschätzung der vorgetragenen Texte durch Jury und Publikum zu liegen. Verfehlt der Open Mike also sein Ziel? Immerhin: 12 der 22 Finalisten studieren an den Universitäten Hildesheim und Leipzig – den wichtigsten deutschen Institutionen für das Studium des Kreativen Schreibens. Institutionen, die ein Händchen dafür haben, die Debüts ihrer Absolventen effektiv im Feuilleton zu platzieren. Aber auch Institutionen, die häufig mit dem Vorwurf konfrontiert werden, sie mumifizierten ein bildungsbürgerliches Bild von Literatur.

Dass der Open Mike hauptsächlich aus diesen Kreisen seinen Nachwuchs zehrt, spricht nicht dafür, dass er eine originelle Alternative zum etablierten Literaturbetrieb bieten kann. Trotz einiger Quereinsteiger – hier wurde vor allem solchen Autoren eine Bühne geboten, die sich in den Brutkästen des Betriebs einen Namen gemacht haben. Oder, wie es ein enttäuschter Zuschauer formulierte: „Die Szene feiert sich selbst.“

 

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