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Wir Aufschieber

Die Autorin dieses Textes wurde beim Schreiben selbst von einem starken Anfall von Aufschieberei befallen, der so gravierend war, dass sie endlich eine Frage für ihre Masterarbeit entwickelte. Von Hanna Dede

Illustration: Angelika Schäfer

Illustration: Angelika Schaefer

Wir sind eine Generation notorischer Aufschieber. Was wir heute können besorgen, das verschieben wir auf morgen. Das zehrt an uns, löst in uns Schuldgefühle aus. Psycho-Ratgeber sagen uns, wie wir endlich aufhören zu prokrastinieren und anfangen anzupacken. Aber an der Sache geht das komplett vorbei. Wir sind nicht zu faul – uns geht es zu gut, wir sind zu frei. Wenn wir das erkennen, finden wir auch einen angemessenen Zugang zu unseren Hausarbeiten. Und das Blatt bleibt nicht länger leer.

Eine Situation, die vielen Studierenden bekannt vorkommen dürfte: Das letzte Semester war stressig, der Job auch. Im Sommer winkte ein Auslandspraktikum. Also bat man um Fristverlängerung. Doch inzwischen ist die Erinnerung an das Seminar verblasst, die einst so funkensprühenden Ideen erkaltet. Ratlos sitzt man vor dem toten Berg aus Skripten und müht sich vergeblich, einen Zugang zu dem Thema zu finden. Die Verlängerung wurde mittlerweile auf unbestimmt ausgeweitet.

Seitdem begleitet einen diese ungeschriebene Hausarbeit wie der Geist des eigenen Versagens. Zunehmend breitet sich die Schreibhemmung aus. Das schlechte Gewissen frisst sich in den Alltag und beeinträchtigt die Arbeit für aktuelle Seminare. Schließlich ist er da, der Horror Vacui: Die Angst vor der Leere – in diesem Fall der Leere des Blattes. So hypnotisieren viele Studierende vergeblich tagaus, tagein die weiße Seite, auf dass sie sich von selbst füllen möge.

Wohlgemerkt: Hier geht es nicht um gewöhnliche Faulheit oder mangelnde Organisation. Diesen Übeln lässt sich vergleichsweise leicht mit einigen Tritten gegen den inneren Schweinehund beikommen. Hier geht es um die absolute Unfähigkeit, eine Arbeit über ein Thema zu schreiben, das einen durchaus interessiert, ja, vielleicht sogar besonders am Herzen liegt.

Dafür kennen wir seit Neuestem ein Wort: „Prokrastination“. Glaubt man den Medien, hängt sie längst wie ein Damoklesschwert über allem und jedem. Eine Flut von Seminaren und Ratgebern gegen diese neue Geißel der Menschheit kreiert einen eigenen Markt, der sich selbst erhält. Denn was ist der Konsum unzähliger Ratgeber und toller Tipps, wenn man eigentlich eine Hausarbeit schreiben sollte, anderes als: Prokrastination?

All die gut gemeinten Ratschläge helfen uns nicht weiter. Denn tatsächlich liegt das eigentliche Problem viel tiefer: Die Aufschieberei ist eine Luxusbeschwerde der postmodernen Gesellschaft. Akkordarbeiter haben keine Zeit, sich zu zieren. Es ist das Privileg der übergroßen Entscheidungsfreiheit, das uns zu schaffen macht. Irgendwie hat man uns dazu gebracht, Arbeit mit Persönlichkeitsentfaltung gleichzusetzen. Ein besonders perfider Trick, macht man sich durch die Identifikation mit der Aufgabe doch umso stärker von der Arbeit abhängig.

Studenten sind davon besonders betroffen. Im europäischen Vergleich ist das deutsche Hochschulsystem trotz Bolognareform immer noch sehr frei. Den Studierenden wird sehr früh sehr viel zugetraut, aber auch zugemutet. Schon Bachelorstudenten müssen sich ganz selbstverständlich allein ihre Fragestellung und Struktur für Hausarbeiten erarbeiten.

Zudem sind deutsche Unis nicht so durchökonomisiert wie etwa die in Großbritannien. Reste des humboltschen Bildungsideals garantieren immer noch, dass ganzheitliche Bildung vor zweckgebundener Effizienz steht. Durch die niedrigen Studienkosten müssen wir uns nicht sklavisch an die Regelstudienzeit halten. Andernorts machen schon die Studiengebühren einen Aufschub um ein bis zwei Semester unmöglich. So wird dort die Deadline zum Maß aller Dinge. Versagt hat nicht, wer inhaltlich nicht komplex genug arbeitet, sondern wer seine Arbeit nicht im vorgegebenen Zeitrahmen formal korrekt ausführen kann.

Während englische Universitäten ihren „Undergraduates“ jahrelang mit vorgefertigten „Research Material-Häppchen“ und „Study Questions“ behutsam in Watte packen, gleicht der Studienanfang an deutschen Unis eher dem Sprung ins kalte Wasser. Entweder man schwimmt, oder man geht eben unter. Diese Freiheit ist für viele Fluch und Segen zugleich. Allzu leicht kann das kritisch-selbstständige Denken in redundante Grübelei umschlagen.

Gerade bei Hausarbeiten ist es ein weit verbreiteter Fehler, deren inhaltliche Bedeutung zu überhöhen. Statt sich ganz pragmatisch am Terminplan zu orientieren, feilen wir ewig an der Thematik herum. Der ganz große Wurf soll es werden. Schließlich ist er die eigene kreative Leistung, ein Spiegel der eigenen Persönlichkeit. Genau das ist Quatsch. Und eine fatale Selbstüberschätzung. Niemand interessiert nach der Notenvergabe je wieder, was Student XY zu Kants Transzendentalphilosophie zu sagen hat. Im besten Fall erfüllt der Essay seinen eigentlichen Zweck, nämlich XY dank guter Note eine Stufe weiter Richtung Abschluss zu hieven.

Vielleicht sollte man sich von den europäischen Nachbarn etwas Pragmatik abschauen. Wenn man sich thematisch verrannt hat, ist es zuweilen besser, das alte Projekt aufzugeben und es mit einem ganz neuen Thema zu versuchen, statt die zigste Verlängerung zu beantragen. Das eigene Scheitern einzugestehen kränkt zwar das Ego, kann aber auch sehr befreiend sein.

Nur, wer sich von dem Anspruch verabschieden kann, mit seiner Hausarbeit ein Selbstporträt der eigenen Persönlichkeit und deren Potenzial zu schreiben, hat gute Chancen, sich besser, weil objektiver seinem Thema zu nähern.

Wir Aufschieber sind verkappte Idealisten. Damit sollten wir aufhören. Am besten schon heute, nicht erst morgen.

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