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„Der IS spielt auf der Klaviatur der Massenmedien“

Terror, Tod und Integrationsverweigerung – Medien zeichnen ein einseitiges Bild vom Islam und von Muslimen. Im Interview spricht FU-Juniorprofessorin Carola Richter über die Gründe dafür. Von Simon Purk

Carola Richter kritisiert deutsche Medien für ihre Berichterstattung zum Islam. Foto: Anke Schlieker

Carola Richter kritisiert deutsche Medien für ihre
Berichterstattung zum Islam. Foto: Anke Schlieker

FURIOS: „Der Islam ist eine Religion der Gewalt“, „der Islam unterdrückt Frauen“ oder „die dunkle Seite des Islam“. Das sind Zitate aus deutschen Medien. Frau Richter, haben Sie nicht das Gefühl, dass hier etwas faul ist?

Carola Richter: Es ist nicht nur ein Gefühl. Eine meiner Studien bestätigt, dass der Islam in deutschen Medien selten gut weg kommt. Wir haben mehr als anderthalb Jahre lang die Magazin- und Talksendungen von ARD und ZDF angeschaut. Das Ergebnis ist bezeichnend: In 80 Prozent der Fälle wurde der Begriff Islam mit problembeladenen Themen in Verbindung gebracht – insbesondere mit Terrorismus und Extremismus. Auch wenn es um Frauen, Integrationskonflikte oder internationale Krisen ging, wurde voreilig eine kausale Verbindung zum Islam gezogen.

 

Immerhin empfinden fast 60 Prozent der Deutschen den Islam tatsächlich als Bedrohung. Das zeigt eine aktuelle Bertelsmann-Studie. Inwiefern hängt das mit der Berichterstattung zusammen?

Durch die problemfokussierte Berichterstattung wird bei der Bevölkerung ein Gefühl der Bedrohung erzeugt. Der Kontakt mit muslimischen Ländern oder Muslimen läuft in Deutschland immer noch oft über die Medien und nicht im realen Leben. Die Medien haben dazu beigetragen, dass sich ein teilweise rassistisches Klima in der Bevölkerung etabliert hat. Das entsteht über den Prozess des sogenannten „Otherings“.

 

Was genau soll das sein?

Durch »Othering« schreibt man vermeintlich anderen Menschen bestimmte Attribute zu. Dieser Minderheit gegenüber grenzt sich die Mehrheitsgesellschaft dann ab. Zudem finden wir in Europa zum Beispiel eine Berichterstattung über und nicht von Muslimen. Das bedeutet, dass Journalisten immer wieder mit einem vorgefertigten Bild im Kopf von außen über Muslime berichten. Eine Innenperspektive können sie dabei nicht einnehmen.

 

Inwiefern hat das Auftreten der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) dieses Phänomen verstärkt?

Der »Islamische Staat« trägt dazu bei, dass sich die Berichterstattung noch stärker auf die Punkte Konflikt und Abgrenzung fokussiert. Der IS selbst spielt dabei wunderbar auf der Klaviatur der Massenmedien. Diese orientieren sich bei ihrer Auswahl an Nachrichtenfaktoren wie zum Beispiel „Konflikt“, „Kriminalität“ oder „Schaden“. Terroristische Gruppen machen die Massenmedien zu ihren Komplizen, indem sie Ereignisse kreieren, die diese Nachrichtenschwelle überschreiten.

 

Wie schafft das der »Islamische Staat«?

Der IS benutzt Symbole, auf die jeder anspringt. Beispielsweise nutzen seine Kämpfer in den Enthauptungsvideos ganz bewusst Messer und bedienen so das historisch gewachsene Bild des gefährlichen Muslims mit dem Dolch.

 

Wie lässt sich die Berichterstattung Ihrer Meinung nach verbessern?

Journalisten reagieren dünnhäutig auf dieses Thema. Sie fragen, ob sie nun nur noch beschönigend berichten sollen. Aber darum geht es nicht. Vielmehr wird der Islam vorschnell als Erklärung für ein Problem herangezogen. Komplexere Ursachen werden dabei oft ausgeblendet. Journalisten sollten sich von den vermeintlichen Nachrichtenfaktoren lösen. Wichtiger sind fundierte Reportagen, die auch die Betroffenen selbst zu Wort kommen lassen.

 

 

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