„Wenn wieder Fleisch, dann selbst getötet“ | FURIOS Online
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„Wenn wieder Fleisch, dann selbst getötet“

Weil Japanologiestundentin Jennifer Swann, 22,  darauf achtet, was auf ihren Teller kommt, kauft sie Bio und verzichtet meist auf tierische Produkte. Clemens Milan Polywka, 24, studiert Publizistik und legt auch viel Wert auf seine Ernährung. Trotzdem steht Fleisch auf seinem Speiseplan. Von Nina Michaelis

Zwei, die sich bewusst und doch unterschiedlich ernähren: Clemens und Jennifer. Foto: Milena Andree

Zwei, die sich bewusst und doch unterschiedlich ernähren: Clemens und Jennifer. Foto: Milena Andree

FURIOS: Vegan ist derzeit voll im Trend. Für viele ist es gleichbedeutend mit einer bewussten Ernährung. Jenny, wie hältst du es mit deinem Essen?

Jennifer: Ich lege einfach großen Wert auf meine Ernährung. Ich informiere mich viel. Nicht nur darüber, ob Produkte vegan sind, sondern auch über ihre Herkunft. Die ist mir manchmal auch wichtiger. Milch vom Ökohof im Berliner Umland ist für mich moralisch immer noch vertretbarer als ein Sojajoghurt im Plastikbecher.

Wann kam dir zum ersten Mal der Gedanke, dich vegan zu ernähren?

Jennifer: Mit 15 nahm ich mir für die Fastenzeit vor, eine Woche lang vegan zu leben. Nach ein paar Tagen hat es plötzlich Spaß gemacht, neue Rezepte auszuprobieren oder gewohnte Gerichte in eine vegane Variante umzuwandeln. Während dieser Woche wurde mir bewusst, was wir Tieren mit unserer Ernährung antun. Dieser Gedanke ließ mich nie wieder los.

Clemens, drei Jahre lang hast du dich vegan ernährt, doch heute isst du wieder Fleisch. Wie kam das?

Clemens: Zuerst war ich lange davon überzeugt, dass es moralisch nicht vertretbar ist, Fleisch zu essen. Aber meine Haltung hat sich in dem Punkt gewandelt. Eine bewusste Ernährung ist mir zwar immer noch wichtig, inzwischen glaube ich aber nicht mehr daran, dass sich Menschen mental tatsächlich weiterentwickeln, wenn sie auf tierische Produkte verzichten. Deshalb habe ich meine Ernährung wieder umgestellt: Ich versuche mich möglichst “sauber” zu ernähren. Sprich, ich kaufe keine Fertigprodukte und koche jeden Tag mindestens einmal. In einen saftigen Burger zu beißen, genieße ich aber auch mal.

Jennifer: Wie kannst du das als ehemaliger Veganer denn genießen? Spielen die Gründe, aus denen du so lange auf Fleisch verzichtet hast, keine Rolle mehr?

Clemens: Natürlich! Jedes Mal, wenn ich Fleisch esse, denke ich daran, dass dafür ein Tier gestorben ist. Ich weiß das zu schätzen. Aber Gewissensbisse habe ich dabei nicht.

Wieso bist du damals Veganer geworden?

Clemens: Ich war schon Vegetarier, aber nicht aus Überzeugung, sondern weil meine damalige Freundin Vegetarierin war. Die moralische Überzeugung kam nach und nach dazu. Als meine Schwester dann von einem Tag auf den anderen Veganerin wurde, dachte ich mir: Das kann ich auch. Da war ich 21 Jahre alt. Ich habe dann drei Jahre vegan gelebt.

Wie hat dich die Umstellung auf veganes Essen verändert?

Clemens: Ich habe unheimlich viel dazu gewonnen. Vor allem fühlte ich mich fitter. Außerdem habe ich erst dadurch ein Gespür für kulinarische Feinheiten entwickelt und verstanden, welche Lebensmitteln zusammen gut harmonieren. Durch diese Umstellung liebe ich es jetzt zu kochen.

Das klingt nach viel Zeit in der Küche. Ist vegane Ernährung denn zeitintensiv, Jennifer?

Jennifer: Ja. Sich vegan zu ernähren, erfordert einiges an Organisation. Es kann zum Beispiel hilfreich sein, sich einen Ernährungsplan zusammenzustellen. Wenn man dann aber interessante Rezepte mit außergewöhnlichen Zutaten findet, die gar nicht so teuer sind, macht das Ganze richtig Spaß.

Selbst kochen und einkaufen ist die eine Sache, aber wie kommt ihr an der Uni zurecht?  Findet ihr, dass Veganer in den Mensen der FU gut aufgehoben sind?

Jennifer: Die Veggie-­Mensa finde ich ziemlich gut. Die Auswahl ist groß. Man kann zwischen drei bis vier veganen Gerichten wählen und auch der vegane Nachtisch ist richtig lecker. Dagegen gibt es in der großen Mensa immer nur ein einziges veganes Gericht, das meist sehr schnell weg ist.

Wie gehen eure Freunde damit um, dass ihr euch vegan ernährt?

Jennifer: Ich habe Freunde, die sich umstellen, wenn ich komme und es mögen, mit mir vegan zu kochen. Generell sind alle sehr locker.

Clemens: Ich glaube, vor allem unter Jungs ist das so eine Sache mit dem ganzen Männergehabe und Fleisch. Gerade am Anfang habe ich viel Gegenwind bekommen. Der hat aber später nachgelassen.

Wie hast du dich gefühlt, als du zum ersten Mal wieder Fleisch gekauft hast, Clemens?

Clemens: Da bin ich regelrecht in den Bioladen gestürmt. Ich wusste genau, wo die Fleischtheke ist, bin da hin und stand dann erst einmal nur so da – ich hatte keine Ahnung, was ich kaufen sollte. Weil mich aber die Verkäuferin schon gesehen hatte, war an einen Rückzug nicht mehr zu denken.

Was hast du dann gekauft?

Clemens: Ich habe gefragt, was sie mir empfehlen kann, weil ich lange kein Fleisch mehr gegessen habe. Ich kaufte 100 Gramm Rinderfilet und ärgerte mich im Endeffekt, weil es nur so wenig war. Ich hatte das Gefühl für Fleischmengen verloren.

Jennifer: Geschmeckt hat es dir also sofort und du hast dich nicht seltsam dabei gefühlt?

Clemens: Nein, nur das Kaufen war komisch. Beim Essen an sich habe ich mir gedacht, dass ich das jetzt sowieso gebraten habe und nicht mehr wegwerfen werde.

Nachdem die erste Hürde überwunden war, gehört Fleisch jetzt zu jeder Mahlzeit oder bleibt es etwas für besondere Anlässe?

Clemens: Ich achte nicht besonders darauf, wie regelmäßig ich Fleisch esse. Oft koche ich noch aus Gewohnheit vegan oder vegetarisch. Fleisch landet drei oder vier mal die Woche auf meinem Teller.

Wirst du nun weiterhin Fleisch essen, Clemens?

Clemens: Ich weiß es nicht. Es kann auch sein, dass ich irgendwann wieder Vegetarier oder Veganer werde. Letzten Endes geht es um ein gesundes Mittelmaß zwischen dem Verzicht der Dinge, bei denen es einem leicht fällt, und dem Genuss derer, die man nicht missen möchte.

Jennifer, könntest du dir vorstellen, auch irgendwann wieder Fleisch zu essen?

Jennifer: Das habe ich mir auch schon überlegt. Ich denke mir, dafür müsste ich das Tier selbst getötet haben. Nur dann fände ich es für mich persönlich gerechtfertigt, es auch zu essen.

 

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