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Furios liest: literarisches Coming-Out

Liebe, Sex und das Problem mit Identitäten: Die Journalistin Carolin Emcke erzählt in ihrer Autobiographie von der Entdeckung ihres homosexuellen Begehrens. Von Sophie Krause

In ihrer Autobiographie schafft Carolin Emcke ein literarisches Coming-Out und eine Reflektion von Homosexualität in Deutschland zugleich. Bild:

In ihrer Autobiographie schafft Carolin Emcke ein literarisches Coming-Out und eine Reflektion von Homosexualität in Deutschland zugleich. Bild: S. Fischer

Muss man im 21. Jahrhundert noch ein Buch über sexuelle Identität schreiben, wenn die Gender-Forschung spätestens durch das Binnen-I in der Gesellschaft angekommen ist und Schwulsein längst nicht mehr totgeschwiegen wird?

Ja, man muss. Das beweist die Journalistin Carolin Emcke in ihrer Autobiographie „Wie wir begehren“. Darin beschreibt sie nicht nur ihr eigenes Coming-Out, sondern reflektiert auch den Umgang mit Homosexualität in Deutschland.

„Normen als Normen fallen uns nur auf, wenn wir ihnen nicht entsprechen, wenn wir nicht hineinpassen, ob wir es wollen oder nicht“, erklärt sie gleich zu Anfang und macht dem Leser begreiflich, dass ihn keine typische Coming-of-age-Geschichte erwartet. Emcke geht es um die Freiheit sexueller Identität.

Episoden aus Emckes Leben

Emcke, im Jahr 1967 geboren, berichtet sonst für den „Spiegel“ und die „Zeit“ aus Krisengebieten. In ihrer Autobiographie hingegen erzählt sie mit präzisen und sehr intimen Sätzen von ihrer Jugend und wie sie schrittweise ihr Begehren entdeckte. Puzzleartig fügt sie einzelne Episoden aus ihrem Leben zusammen: Die Schulzeit in den 1980er-Jahren – als über Sex nicht gesprochen wurde – ihr Heranwachsen, erste sexuelle Erfahrungen mit Männern und später dann mit Frauen. Daraus konstruiert sie ein Gesamtbild, das zeigt: Begehren ist nicht in einem Satz erzählt. Es ist vielfältig und entwickelt sich immer weiter. Schwulsein oder Nicht-Schwulsein hat keinen Schlüsselmoment, in dem es bewusst wird wie etwa das Begreifen einer mathematischen Gleichung.

Doch Emckes autobiographisches Coming-Out besteht nicht nur aus Episoden ihres Lebens. Sie erläutert im gleichen Zug, was Schwulsein im vermeintlich liberalen Deutschland auch bedeuten kann: Etikettierung und Diskriminierung. Sie greift das Karriereende des Bundeswehrgenerals Kießling auf, der wegen der anhaltenden Gerüchte über seine vermeintliche Homosexualität zurücktreten musste. An einer anderen Stelle erzählt sie, wie sie einst bei der Hochzeit eines Freundes an den „Tuntentisch“ gesetzt wurde  – dem einzigen Tisch, an dem die bekannt homosexuellen Gäste sitzen sollten. Solche Szenen zeigen, wie erniedrigend diese Form der Etikettierung sein kann.

Bedeutung von Geschlechterrollen

Emcke reflektiert stückweise die Bedeutung gesellschaftlicher Zuschreibungen, die sie mit dem „Tuntentisch“-Beispiel verbildlicht: „Identitäten sind nicht einfach frei gewählt, Identitäten sind auch konstruiert, zugewiesen, zugeschrieben“, doziert Emcke frei nach Gender-Theoretikerin Judith Butler. Einmal als schwul etikettiert, sei es aus der Sicht der anderen Menschen meistens zweitrangig, ob man auch muslimisch, dunkelhäutig, Universitätsprofessor oder Fensterputzer sei. Man sei „der Schwule“.

Auf diese Weise belegt die Autorin, wie absurd die Vorstellung des „Normalseins“ ist. Denn Homosexualität wird nicht frei gewählt, sie ist einfach da, so wie man rechts- oder linkshändig ist. Und doch wird sie von der Gesellschaft zu einem Etikett gemacht, das plötzlich alle anderen Charaktereigenschaften und Zuschreibungen überschattet.

Deshalb ist es notwendig, dass Emcke ihre Geschichte erzählt. Dieses Buch regt zum Nachdenken an – über Normen, Geschlechterzuschreibungen und Rollenbilder. Mit einer sehr eingänglichen, prägnanten Sprache erzählt Emcke intime Momente ihres Lebens. Zugleich entlarvt sie Diskriminierungen und ermutigt dazu, eine freie und ganz eigene Form des Begehrens zu finden.

Anspruch: 5/5
Spannung: 3/5
Erotik: 15
Action: 1/5

Bester Satz: „Warum hatte uns das niemand erklärt, dass sich für manche das Begehren so wandeln kann wie eine Tonart?“

 

Wie wir begehren
Autorin: Carolin Emcke
Verlag: S. Fischer
Preis: 19,99 Euro

 

2 Kommentare

  • Ich find’s irritierend, dass es im Artikel um den Roman einer lesbischen Frau geht und dann ständig von Schwulen (im Sinne von homosexuell = schwul) die Rede ist. Hier eine Anregung zur Dominanz des Männlichen auch im LGBTQI-Diskurs: https://www.gruene-jugend.de/node/17440

  • Die Autorin weigert sich bewusst und aus persönlichen Gründen den Begriff „lesbisch“ zu verwenden und verwendet stattdessen „schwul“ für alle Formen homosexuellen Begehrens.

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