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Kulturreif: Bowie ist größer

Hier sollte eigentlich David Bowies neues Album Blackstar besprochen werden. Nach seinem Tod hat Julian Daum aber beschlossen, die Platte nicht zu rezensieren. Lest hier, warum.

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In unserer Rubrik Kulturreif stellen wir euch Neues aus Musik, Literatur, Film und Theater vor. Illustration: Luise Schricker

Mein Vater, der Space Oddity vor sich hin summt. Christiane F. im Fernsehen, die heulende Gitarre aus Heroes, die ihr Scheitern noch nicht wahrhaben will. Bowie war irgendwie schon immer überall. Schwer genug, sein vergangenen Freitag erschienenes Album vor dem Hintergrund seines gewaltigen Lebenswerks zu rezensieren. Nach der Todesmeldung am Montag erscheint es mir jedoch unmöglich, eine Plattenkritik über seine letzte Veröffentlichung zu schreiben. Dieses Album ist nun kein einfaches Album mehr. Es ist das Ende einer beispiellosen Musikerkarriere, die die Popkultur über fünf Jahrzehnte hinweg wie nur sehr wenige andere geprägt hat.

Ich kann keine Rezension schreiben, denn das wäre eine Pietätlosigkeit. Es erscheine viel zu profan sich darüber auszulassen, wie und weshalb sich Blackstar wo in sein Werk einreiht. Nach Space Oddity, The Man who sold the World, Ziggy Stardust, Heroes. Ob die Platte diesem fast erdrückenden Katalog musikalischer Großartigkeit gerecht wird, ist mir nach der Nachricht von Bowies Tod erst einmal egal.

Mechanismen des Popjournalismus

Doch genau darüber hätte ich sprechen müssen und das wird nun vielfach, durch seine postmortale Mystifizierung verzerrt, getan. Musiker, die schon lange im Geschäft sind, vor allem wenn sie so stilprägend, so einflussreich sind, wie Bowie es war, können es oft irgendwann keinem mehr recht machen. Gerne wird dereinst subversiven Künstlern dann wahlweise vorgeworfen, entweder in einem Meer aus Selbstreferentialität zu ihrem eigenen Retro-Zitat geworden zu sein oder aber den zeitgenössischen Impulsen der Popmusik hoffnungslos hinterherzurennen. Denn sie seien ja alt und langsam, die Welt zu schnell für sie geworden. Vor allem Frauen sehen sich hierbei gerne mit dem Vorwurf konfrontiert, nicht „würdevoll zu altern“, sich nicht ihrem Alter gemäß zu verhalten. Eine abgegriffene Kritik, die Talent auf Körperlichkeit reduziert und dabei kaschiert, dass der Rezensent Madonna einfach nicht mehr geil findet. So wird fast jeder große Künstler entweder getrennt von seinem Werk verurteilt oder in bewährter humanistischer Tradition in den historischen Dreisatz von Aufstieg, Höhepunkt und Verfall gezwängt.

Überhöhungen, Polemiken, Mutmaßungen

Doch all diese so typischen Mechanismen des Popjournalismus werden Bowie, wie so vielen anderen, nicht gerecht. Er ist größer als die reflexhaften Übersprungshandlungen der Popweisen. In diesen Kanon möchte ich mich nicht einreihen und habe daher beschlossen, Blackstar nicht zu besprechen. Ich will es erst dann hören, wenn es mir nach all den Nachrufen, Überhöhungen und Polemiken, nach all den Mutmaßungen darüber, ob das Album nun ein bewusster Abschied war oder nicht, möglich ist, die Platte als das wahrzunehmen, was sie ist: Ein Album eines großen Künstlers, das letzte Album von David Bowie. Und dann kann ich es vielleicht auch besprechen.

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