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Diese Rechnung geht nicht auf

Wem man nichts zutraut, der leistet auch nichts. Wie sich die niedrige Erwartungshaltung im Matheunterricht an Hauptschulen auf Schüler auswirkt, hat Hauke Straehler-Pohl in seiner Dissertation analysiert. Von Lukas Burger

Im Formelknacken schneiden Hauptschüler besonders schlecht ab. Bild: Flickr, Jumini (CC BY-NC-ND 2.0)

Im Formelknacken schneiden Hauptschüler besonders schlecht ab. Bild: Flickr, Jumini (CC BY-NC-ND 2.0)

Für Viele ist der Schulabschluss das freudig erwartete Datum, ab dem Mathematik jenseits der vier Grundrechenarten keine Rolle mehr spielt. Denjenigen aber, die noch zur Schule gehen, bleibt nichts anderes übrig, als sich mit dem vielleicht unbeliebtesten aller Fächer zu arrangieren. Für die einen ist dieses Arrangement mehr, für die anderen weniger erfolgreich. Bestimmte Hauptschulen schneiden besonders schlecht ab, wenn es um Mathe-Leistungen geht. Doch liegt das nur an den Schülern selbst?

FU-Student Hauke Straehler-Pohl untersuchte die Ursache der Leistungsunterschiede. Er selbst hat Mathematik und Grundschullehramt studiert. Zunächst wollte er Lehrer werden, im Master wurde ihm dann aber klar, dass er sich lieber der Forschung widmen würde. Der Schule als Institution blieb er verbunden, indem er sie zum Mittelpunkt ebendieser Forschung machte. In seiner Dissertation analysierte er Hauptschulen in sozial schwachen Gegenden und die Probleme, die dort dem Matheunterricht anhaften. Für diese Arbeit wurde er vor Kurzem mit dem Tiburtius Preis der Berliner Hochschulen ausgezeichnet.

Zu niedrige Erwartungen

Straehler-Pohls Ergebnisse zeigen, dass das Verhalten der Schüler lediglich ein Teil des Problems ist. Einen großen Einfluss haben auch die Erwartungen der Institution und der Lehrer an ihre Schüler. So nehme man an Hauptschulen lediglich von wenigen Schülern einer Klasse an, dass diese überhaupt den Abschluss schaffen. „Und die Schüler sehen keine Perspektive, die ihnen eine schulische Ausbildung bieten könnte“, erklärt Straehler-Pohl. In Konsequenz überträfe der Anspruch des Unterrichts gerade so Grundschulniveau. „Die Schüler lernen zu wenig Neues, sondern wiederholen an einem bestimmten Punkt nur noch bereits aus den Vorjahren Gelerntes.“

Das ständige Durchkauen von altem Stoff spiegelt nach Straehler-Pohl das fehlende Vertrauen zwischen Schülern und Lehrern wider: „Ohne die Herausforderung des Neuen fehlen Reize, die wichtig für das Lernen sind. Dies führt wiederum zu Resignation und Leistungsverweigerung. So werden die niedrigen Erwartungen bestätigt.“ Das trägt dazu bei, dass im Klassenzimmer kaum noch fachlich unterrichtet wird. Stattdessen beschränke sich der Unterricht fast ausschließlich auf Erziehungsarbeit. Diese sei zweifellos auch wichtig, dürfe den fachlichen Unterricht aber nicht komplett verdrängen.

Schule ist kein Ort für Wettbewerb

„Um mit diesem Problem umzugehen, ist vor allem ein offener Umgang mit dem Scheitern der Institution Schule notwendig“, meint Straehler-Pohl. Die vorhandenen Missstände sollten nicht unter den Teppich gekehrt werden. Stattdessen brauche man einen Diskurs, der sich damit befasst, warum besonders leistungsschwache Schüler in bestimmten Klassen derart konzentriert auftreten. Straehler-Pohl drückt in seiner Dissertation den Wunsch aus, Bildung nicht als Wettbewerb zu sehen, bei dem es Verlierer geben muss: „Am Ideal einer Bildung, die Chancen schafft, sollte festgehalten werden. Diese Kritik richtet sich direkt an unser Schulsystem, in dem zu viel und zu früh seperiert wird.“

Auf die Frage, ob es fernab dieser abstrakten Lösung etwas gebe, das den Lehrern und Schülern vor Ort helfen könnte, schlägt Straehler-Pohl vor: „Lehrer sollten den Schülern fachliche Aufgaben stellen, an denen sie wachsen können. Herausforderungen können motivierend sein. Nicht zuletzt bleibt so die Möglichkeit, die vorgegebene Erwartungshaltung zu übertreffen.“ Gelingt dies, wäre das für beide Seiten ein Erfolg.

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