Wahrheit oder Nicht | FURIOS Online
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Wahrheit oder Nicht

Ganz ehrlich: Ein guter Teaser ist mir einfach nicht eingefallen. Ich habe versucht, drei Tage nicht zu lügen, deshalb bleibe ich auch jetzt bei der Wahrheit. Gebt euch diesen Text! Von Friederike Werner

Illustration: die greta

Illustration: die greta

“Was ich nicht mag: Lügner.” Das schrieb ich vor 15 Jahren in mein Freundebuch. Denn Lügen ist böse. Das bekommen wir eingebläut, noch bevor wir uns richtig artikulieren können. Und doch tun wir es alle: Kleine Flunkereien sind aus dem Alltag nicht wegzudenken. “Man nimmt ständig Rücksicht – sowohl auf sich selbst als auch auf die anderen”, erklärt FU- Psychologe Klaus-Jürgen Bruder. Trotzdem: “Es ist eine Lüge, die Wahrheit zu verschweigen.” Aus Sicht der Psychoanalytiker beginne das schon damit, nicht auszusprechen, was einem durch den Kopf geht. Doch was passiert eigentlich, wenn wir jegliche Rücksicht fallen lassen? Ich will den Selbstversuch wagen: Drei Tage schonungslose Ehrlichkeit.

Tag 1

Beim Frühstück ist mir mulmig zumute. Worauf hab ich mich nur eingelassen? Ich bin ein sehr höflicher Mensch. Wahrheit und Höflichkeit vertragen sich allerdings eher schlecht. Für die erste Verabredung des Tages bin ich schon spät dran. Doch statt einer zusammengereimten Rechtfertigung, die äußere Umstände dafür verantwortlich macht, schreibe ich meiner Freundin: “Ich komme 10 Minuten zu spät, konnte mich nicht von Facebook losreißen.” Sie reagiert gelassen. Okay, das war gar nicht so schwer!

Unangenehmer wird es beim nachmittäglichen Postbesuch. Eine ältere Dame hält der Verkäuferin einen Vortrag über das schlechte Bildungssystem in Deutschland und greift dabei immer wieder nach ihrem Portmonee, ohne endlich zu zahlen. Plötzlich dreht sie sich zu mir um: “Nicht wahr?” Ich schaue in ihr freundliches Gesicht und hasse mich, als ich sage: “Ehrlich gesagt würde ich einfach gern mein Paket abgeben.” Eine peinliche Stille tritt ein. Die Frau bezahlt. “Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen!”, rufe ich ihr kleinlaut hinterher. Das ist zwar wahr, kann aber auch nichts mehr retten.

Auf dem Heimweg ruft eine Freundin an. Sie scheint heute ein extrem großes Mitteilungsbedürfnis zu haben und der Wortschwall, der über mich hereinbricht, ist mir zu viel. Ich hole tief Luft. Dann sage ich: “Ich kann dir gerade einfach nicht zuhören. Ich leg jetzt auf.” Auch wenn mir das Schuldbewusstsein heiß in die Wangen schießt, fühle ich mich ein bisschen erleichtert. Ehrlichkeit erlaubt es, die eigenen Bedürfnisse an erste Stelle zu setzen.

Am Abend gehe ich mit Freunden etwas trinken. Nach dem ersten Glas Wein finde ich zum ersten Mal Gefallen an dem Gedanken, einfach alles auszusprechen. Ich wähle meine Worte mit weniger Bedacht darauf, wie sie mich klingen lassen. Als jemand fragt, warum ich noch immer nicht mit meinem Studium fertig bin, verzichte ich zum Beispiel auf Ausflüchte: “Ich habe ein riesiges Prokrastinationsproblem und muss erstmal alle aufgeschobenen Hausarbeiten fertig schreiben.” Die Wahrheit auszusprechen, zwingt mich auch zur Selbstreflexion.

Tag 2

Ich habe das Gefühl, die meisten Leute wissen nicht so recht, wie sie mit der Wahrheit umgehen sollen. Mein Nachbar lacht nervös, als ich auf das im Vorbeigehen dahingeworfene “Alles gut bei dir?” antworte: “Eigentlich nicht. Ich fühle mich momentan ganz schön gestresst.” Auch der Mann, der mir in der U-Bahn auf den Fuß tritt, scheint irritiert, als ich auf seine Entschuldigung entgegne: “Das hat ganz schön wehgetan.” Beim Arzt will ich mir ein Rezept ausstellen lassen. “Ihr Unfall ist jetzt aber schon eine Weile her”, mahnt die Sprechstundenhilfe. “Ich weiß. Ich hab’s die ganze Zeit vor mir hergeschoben, weil ich keine Lust auf die Physiotherapie hab.” Sie starrt mich einen Moment lang an, bevor sie mich in missbilligendem Ton anweist, Platz zu nehmen.

Am Abend bittet mich eine Freundin, mit ihr zum Krankenhaus zu gehen. Ich bin am anderen Ende der Stadt und es ist fast acht Uhr abends. “Sind deine Mitbewohner nicht da?” frage ich. “Doch, aber die müssen morgen um sieben arbeiten.” Während ich sie abhole, brodelt es in mir. Ihre Mitbewohner sind doch da – können die nicht einfach eine Stunde später ins Bett? Wir reden über etwas anderes, aber der Gedanke nagt die ganze Zeit an meinen Innereien. Erinnerungen an solche Momente kramt man gerne im Streit hervor – Monate später. Warum nicht lieber gleich sagen, dass man sich ungerecht behandelt fühlt? Ich überwinde mich dazu, meinem Unmut Luft zu machen. “Tut mir leid”, sagt sie. “Aber du bist für mich nun mal wie Familie.” Die Erklärung berührt mich und das Thema ist damit abgehakt.

Tag 3

Ein mir bekannter “Straßenfeger”-Verkäufer kommt in die U-Bahn. “Hat jemand noch eine kleine Spende übrig?” Mir wird heiß. Soll ich es wirklich wagen, auszusprechen, was mir durch den Kopf geht? “Eigentlich schon. Aber ich habe Ihnen letzte Woche Geld gegeben und Sie haben sich nicht bedankt und das fand ich unhöflich.” Das könnte ich jetzt wahrheitsgetreu sagen, käme mir aber schrecklich selbstgerecht vor. So viel Ehrlichkeit bringe ich nicht übers Herz und schweige stattdessen.

Meine Mutter ruft an. Oh je! Gerade ihr enthalte ich gewisse Dinge gerne vor, damit sie sich keine Sorgen macht. Es geht um eine blöde Geschichte, 200 Euro, die ich vor ein paar Monaten zahlen musste und nun zurückerstattet bekomme. Meiner Mutter erzählte ich damals, es handele sich um 30 Euro. Mit klopfendem Herzen gestehe ich ihr nun die wahre Summe. “Du musst ja schreckliche Angst vor mir haben, dass du mich anlügst”, sagt sie. Die Enttäuschung in ihrer Stimme versetzt mir einen Stich. Wenn Unehrlichkeit auffliegt, wird Vertrauen erschüttert – egal, aus welchem Grund man gelogen hat.

Als das Experiment vorüber ist, bin ich ziemlich erleichtert. Ich freue mich darauf, endlich wieder Dinge sagen zu können, die mein Gegenüber hören will, ohne groß darüber nachzudenken. Mit Flunkereien lebt es sich reibungsloser. “Wir haben zwar Gedankenfreiheit, aber keine Freiheit, konsequenzlos zu sagen, was wir denken. Die Lüge schützt den gesellschaftlichen Konsens und wer davon abweicht, wird oftmals als verrückt angesehen”, erklärt Psychologie-Professor Bruder. Tatsächlich kam ich mir während der letzten drei Tage des Öfteren vor wie ein Freak.

Bei Leuten, die uns nahe stehen, sind Lügen nicht notwendig. Die Wahrheit zu sagen, ist ein Zeichen von Vertrauen. Doch vor allem bei flüchtigen Begegnungen schützen uns kleine Flunkereien vor unnötigen Konflikten und verletzten Gefühlen. Beim Lügen geht es also vor allem um eins: Effizienz.

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