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Ja, ich will?

Wir entscheiden alleine über unser Leben. Das denken wir zumindest. Die Hirnforschung zeigt: Etliche Faktoren beeinflussen unser Handeln. Wo bleibt da der freie Wille? Von Friederike Oertel

Illustration: Friederike Oertel

Illustration: Friederike Oertel

Im Alltag glauben wir, uns völlig frei entscheiden zu können. Doch oft kommt es zum Widerspruch zwischen bewusstem Entschluss und tatsächlicher Handlung. Dann essen wir allen Diätvorsätzen zum Trotz Junkfood oder fliegen um die halbe Welt, obwohl wir um die Auswirkungen der CO2-Emission auf den Klimawandel wissen. Welche Faktoren beeinflussen unsere Entscheidungen und wie selbstbestimmt sind wir eigentlich noch?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich Hauke Heekeren, Professor für Biologische Psychologie und Kognitive Neurowissenschaft an der FU Berlin. Während des Entscheidungsprozesses schaut er seinen Probanden buchstäblich in den Kopf: Mit Hilfe von auf der Kopfhaut angebrachten Elektroden werden Erregungsströme im Gehirn gemessen und am Computer visualisiert.

Vergleicht man Gehirnaktivität und Handlung, wird erkennbar, dass die neuronalen Entscheidungsprozesse oft schneller sind als unser Bewusstsein. Da viele Entscheidungen innerhalb von Millisekunden gefällt werden, kann also bereits der erste Eindruck ausschlaggebend sein. Wählen wir in der Mensa ein Gericht, achten wir auf Aussehen, Namen und Preis. Weitere Parameter wie Kalorien, Fett oder Bio-Siegel werden meist ignoriert. Wir nutzen also bei Weitem nicht alle zur Verfügung stehenden Informationen, sondern konzentrieren uns auf einige wenige. Diese vereinfachte Entscheidungsstrategie hilft uns dabei, unseren Alltag zu bewältigen, ohne sich im Dickicht der Möglichkeiten zu verirren. Gleichzeitig geben wir uns oft beeinflussbar.

Auch fällt es uns schwer, die langfristigen Folgen unserer Entscheidungen zu berücksichtigen. Ein Beispiel dafür ist die Umweltverschmutzung. Die Folgen des Klimawandels werden womöglich erst in der Generation nach uns so richtig spürbar
sein. Wir ändern unser eigenes Verhalten jedoch oft erst, wenn wir die negativen Konsequenzen am eigenen Leib spüren. Das Motto unserer Handlungen lautet also: Nach uns die Sintflut!

Gegenwart und nahe Zukunft haben oft Priorität. Dies wird, so Heekeren, insbesondere bei Themen wie der Altersvorsorge deutlich. Für viele Studierende ist sie kein Thema, da die Rente noch in weiter Ferne liegt. Bekommen wir dagegen mit, dass die eigenen Großeltern in finanzielle Not geraten, kann sich das schnell ändern. Entscheidungen lassen sich bewusst beeinflussen, indem wir unseren Fokus auf die Zukunft richten – oder eben von unserer Bank daran erinnert werden.

Viele unserer Entscheidungen haben zudem mit unseren Emotionen zu tun. Können sich Probanden zwischen einem geringeren, dafür wahrscheinlicheren Gewinn und einem höheren, dafür unwahrscheinlicheren entscheiden, so wählt die Mehrheit den sicheren Gewinn. Denn wir tendieren dazu, Verluste höher zu gewichten als Gewinne. Ein Verlust von 50 Euro ärgert in der Regel mehr als ein Gewinn von 50 Euro erfreut. Entscheidungsforscher bezeichnen dieses Verhalten als Verlustaversion.

„Um herauszufinden, welche Rolle Emotionen genau spielen, werden Probanden im Labor vor einer Risiko-Entscheidung ängstliche Gesichter präsentiert oder dramatische Musik vorgespielt“, erklärt Heekeren. Im Labor wird gemessen, welche Gehirnregionen bei der Entscheidung aktiv sind und wie diese zusammenspielen. Das Ergebnis: Die Hirnregionen, die an der Verarbeitung der emotionalen Reize mitwirken, sind an der Verarbeitung der Risikofaktoren beteiligt. Angst verstärkt die Verlustaversion. Entscheidungen sind somit nicht von den eigenen Gefühlen zu trennen. Emotionen können rational getroffene Entscheidungen nicht nur beeinflussen, sondern auch im Handumdrehen revidieren.

Eine denkbar schlechte Voraussetzung für rationale Entscheidungen ist akuter Stress. In Extremsituationen übernimmt eine Vielzahl von Stresshormonen die Führung in Gehirn und Körper. Unsere Energieressourcen werden mobilisiert, damit wir schnell reagieren. Gleichzeitig sind Lösungsstrategien in geringerem Maße abrufbar und den Risiken wird weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Deshalb neigen wir in Stresssituationen zu risikofreudigeren Entscheidungen, so Heekeren.

Davon ausgenommen sind Routine-Entscheidungen, die tendenziell stressunabhängig sind: „Unser Gehirn ruft sie automatisch ab, wir müssen nicht nachdenken“, so der Neurowissenschaftler. „Wenn wir im Alltag bewusst auf gesunde Ernährung achten, zeigt sich in Stresssituationen, ob wir das Essverhalten wirklich verinnerlicht haben, oder doch zum Schokoriegel greifen.“ Stress sabotiert also die
Selbstkontrolle und steht – gemeinsam mit der Routine – nicht selten den eigenen Vorsätzen im Wege.

Doch selbst ohne Stress lassen wir uns von vielen Faktoren beeinflussen – selbst wenn wir glauben, souverän zu entscheiden. Dieser Umstand wird von Industrie und Handel schon längst für die eigenen Zwecke genutzt. „Ein wichtiges Stichwort in diesem Zusammenhang ist die sogenannte Entscheidungsarchitektur“, erklärt Heekeren.

Die Idee dahinter: die jeweilige Entscheidungssituation gezielt gestalten, um Einfluss auf unsere individuellen Entschlüsse zu nehmen. Im Supermarkt werden wir in Richtung der Produkte gelenkt, die uns in Versuchung führen. Süßigkeiten werden in Blickhöhe von Kindern platziert und vor jeder Flugbuchung wird uns automatisch eine Reiseversicherung angeboten.

Die Entscheidungsarchitektur könne aber ebenso genutzt werden, um erwünschte Handlungen zu erleichtern. So sorgten in Dänemark grün
gepinselte Fußabdrücke, die zu Mülleimern führten, für eine Verminderung des Straßenmülls um 40 Prozent. Gesünderes Essverhalten kann durch eine Ampel, wie sie in der FU-Mensa existiert, angeregt werden. Diesen Stups in die richtige Richtung bezeichnet man als „Nudging“. Gegner des Nudging bemängeln, dass der freie Wille des Menschen eingeschränkt werde. Denn der Grad zwischen Entscheidungshilfe und Bevormundung ist schmal.

Doch hat die Hirnforschung die Selbstbestimmung des Menschen nicht so oder so als Illusion entlarvt? Sie hat gezeigt, dass unsere Entscheidungen von vielen unbewussten Faktoren abhängen. Sie hat auch gezeigt, dass unsere Handlungen keineswegs willkürlich oder zufällig sind. Vielmehr sind sie die Folge unserer Lebensumstände. Deshalb lassen sie sich oft vorhersagen und manipulieren. Unsere Entscheidungen haben System. Uns bleibt die Fähigkeit, innezuhalten und überlegt zu handeln – allen Einflüssen zum Trotz bestehen also noch Chancen auf Selbstbestimmung.

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