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Ewige Ehemalige: Im Kampf gegen die Zwänge

Ein Leben als Hausfrau kam nicht in Frage. Seyran Ateş floh vor der Zwangsheirat und studierte Jura an der FU, um sich für die Rechte von Frauen einzusetzen. Nicht einmal ein Anschlag hielt sie auf. Von Jonas Saggerer

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Seyran Ateş ist 21 alt, als ein Mann auf sie und ihre Klientin schießt – weil sie sich für die Rechte der Frauen einsetzt.
Um ihr Jura-Studium an der FU zu finanzieren, arbeitet sie damals in einer Beratungsstelle für türkische Frauen. Ateş überlebt das Attentat nur knapp, ihre Klientin stirbt. Sechs Jahre lang kann sie danach ihr Studium nicht fortsetzen. Trotzdem soll es einer der entscheidenden Momente in ihrem Leben werden: »Mir wurde klar, dass ich mich nun erst recht für Frauenrechte einsetzen werde.« Denn sie weiß: Der Anschlag galt nicht ihr persönlich. »Er galt der Freiheit, die Frauen für sich beanspruchen«, so Ateş.
Als Tochter einer kurdischen Mutter und eines türkischen Vaters kam sie im Alter von 6 Jahren nach Berlin. «Das Aufwachsen in einer sehr traditionellen Großfamilie hat mich politisch geprägt”, sagt Ateş. Schon als Kind wurden ihr klassische Rollenbilder auferlegt. Während ihr Bruder seine Freiheit in vollen Zügen ausleben konnte, versuchten Ateş’ Eltern, sie zu einer guten Hausfrau zu erziehen. «Viele meiner Cousins und Cousinen wurden gegen ihren Willen verheiratet«, so Ateş. Für sie selbst unvorstellbar, das Leben sollte mehr für sie zu bieten haben. So kam es schließlich zum Bruch mit ihrer Familie: Kurz vor dem Abitur verließ die damals 17-Jährige ihr Zuhause und ließ ihren Eltern das Sorgerecht entziehen. «Ich konnte das Gericht überzeugen, dass ich zu Hause nicht nur unglücklich bin, sondern in meiner persönlichen Entwicklung behindert werde«, sagt sie heute.
Anfang der 80er-Jahre nahm Ateş ihr Jura-Studium an der FU auf. Hier fand sie sich zwischen alternativen Weltverbesserern und, wie sie sagt, »Schicki-Micki-Studenten« im Anzug wieder. »Ich mochte die akademische Atmosphäre, auch wenn die Professoren nicht besonders mitreißend waren«, erinnert sie sich. Deswegen engagierte sie sich außerhalb des Studiums – unter anderem in der Anlaufstelle, in der sie Opfer des Attentats wurde.
So setzte sie sich schon in ihrer Studienzeit für die Rechte von Frauen aus türkischen und kurdischen Familien ein. Als eine der ersten Deutschen trat sie 2003 dafür ein, dass Zwangsheirat zum Straftatbestand wurde. Ihr Engagement war es schließlich, das 2011 dafür sorgte, dass die Zwangsheirat als Tatbestand ins Strafgesetzbuch aufgenommen wurde. Für ihr Engagement für Integration und Gleichberechtigung wurde sie später mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Verdienstorden der Stadt Berlin ausgezeichnet.
Trotz Ateş Errungenschaften sieht sie die Rechte der Frauen in Deutschland weiterhin maßgeblich gefährdet – Pegida und AfD bezeichnet sie als frauenfeindlich. Der Attentäter, der den Tod von Ateş’ Klientin verschuldete, wurde bis heute nicht verurteilt. Er arbeitete wahrscheinlich als Auftragskiller für die rechtsextreme türkische Vereinigung »Graue Wölfe«. Immernoch belastet es Ateş, dass Polizei und Gericht den politischen Hintergrund des Anschlags nicht aufgeklärt haben. Auch heute erhält sie noch Morddrohungen – und steht deshalb unter ständigem Polizeischutz. Doch sie engagiert sich weiter: In Istanbul hilft sie, eine Anwaltskanzlei zu errichten. Außerdem gründet sie dort eine Moschee, die einen »toleranten und weltoffenen« Islam predigen soll – damit nie wieder muslimische Frauen Anschlägen zum Opfer fallen.

 

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