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Der Entscheider von morgen

Für viele Missstände sind die Verantwortlichen schnell ausgemacht: Die Politiker sind schuld! Kaum ein Berufsstand ist dermaßen unbeliebt. Wer will sich schon solch eine Karriere antun? Ein Porträt über jemanden, der es wagen möchte. Von Lukas Burger
Entscheider

FU-Student Christoph Husemann will als Berufspolitiker die Welt verändern. Foto: Anke Schlieker

Warum haben im Deutschen Bundestag eigentlich viel mehr Menschen Jura oder Lehramt studiert als Politik? „Ein politikwissenschaftliches Studium ist ja keine Ausbildung zum Berufspolitiker, sondern dient der Analyse des politischen Diskurses“, sagt Christoph Husemann. Dann setzt er zu einer ausführlichen Beschreibung seines Studiums an – und es f ällt gar nicht weiter auf, dass die Eingangsfrage unbeantwortet bleibt. Eine typische Politikerantwort?
In der Tat, Christoph will Berufspolitiker werden. Im letzten Jahr war er Landesvorsitzender und Sprecher der Grünen Jugend Berlin. Er möchte sein Studium nutzen, um seine Leidenschaft besser zu verstehen. Kann man Vollzeit Politik machen, ohne seine Ideale aufzugeben? Christoph möchte das glauben: Seine eigenen Prinzipien dürfe man niemals verraten, sagt er.
Seine politische Überzeugung fließt ganz natürlich in seine Sprache ein, er sagt „mensch “statt „man“ und „kriminalisierte Geflüchtete“ statt „Flüchtlinge“. Die sind auch Teil von Christophs schlimmstem Erlebnis in der
Politik: Als 2015 die Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg geräumt werden sollte, die von Flüchtlingen besetzt war, stimmte seine Partei der Räumung zu. „Die unangenehmste Erfahrung für mich war es, Kompromisse eingehen zu müssen, weil es keine andere Lösung mehr gab“, sagt er. Christoph musste als Sprecher vor der Öffentlichkeit einen Polizeieinsatz rechtfertigen, der seinen Überzeugungen zuwider lief.
Für Christoph, der von klein auf politisiert wurde, eine schwere Zeit. Bereits seine Eltern waren in der Friedensbewegung aktiv. Im Leistungskurs Politikwissenschaft stellte er den Kapitalismus in Frage, während seine Mitschüler nur stumm auf das Ende der Stunde warteten. Nach dem Abitur 2008 trat er dann der Grünen Jugend bei. Damals kam für ihn eine politische Karriere noch nicht in Frage. Zunächst begann er in Paderborn ein Informatikstudium, ließ sich dort in den Asta wählen. Die Besetzung des Audimax war ein Wendepunkt: Danach traf er die Entscheidung, in Berlin Politikwissenschaften zu studieren und sich dort politisch zu engagieren.
Christoph versucht immer wieder, das Gespräch auf grüne Lieblingsthemen zu lenken: Ein autofreies Kreuzberg, kostenfreier Nahverkehr und vor allem – uneingeschränktes Recht auf Asyl. Man hört, dass er mit Leidenschaft dabei ist. Serien wie „House of Cards“ zeichnen ein düsteres Bild von Politik: Um erfolgreich zu sein, muss man seine Ideale zugunsten von Intrigen und Machtkämpfen opfern. Als skrupellosen Karrieristen kann man Christoph jedoch beim besten Willen nicht bezeichnen. Trotzdem will er von der Politik leben können, um ihr weiter so viel Zeit widmen zu können. Doch wie weit kann er es mit seiner Einstellung bringen?
Christoph sieht den Konflikt: persönliches Fortkommen auf der einen Seite, die eigenen Ideale und die der Partei zu bewahren auf der anderen. Bei der Räumung der Schule musste er das am eigenen Leib erfahren. Dennoch glaubt er, dass es in der Berufspolitik Platz gibt für Menschen wie ihn, die versuchen, sich für ihre politischen Vorstellungen stark zu machen statt für persönliche Zwecke. Im September wollte Christoph zur Wahl zum Abgeordnetenhaus antreten. Doch seine Bewerbung war nicht erfolgreich: Zu idealistisch? Natürlich sei das ein Rückschlag gewesen, sagt er.
An seinem Ziel, professionell Politik zu betreiben, hält er dennoch fest. Ob er eines Tages der erste grüne Bundeskanzler wird? Christoph lächelt. „Mir wäre eine grüne Bundeskanzlerin lieber.“

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