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Von Bomben und Büchern

Mit einem groß angelegten Stipendienprogramm des DAAD können Geflüchtete aus Syrien an der FU studieren. Nach dem Krieg sollen sie beim Wiederaufbau des Landes helfen. Ein Stipendiat erzählt uns von seiner Flucht und seinen Hoffnungen für die Zukunft.

Text: Julian Jestadt

Illustration: Jannis Fahrenkamp

Fünf Militärcheckpoints musste Laith passieren, um seine Uni in Aleppo zu erreichen. 200 Meter vor den Schranken lief er langsamer, das war Vorschrift. Er wurde nervöser, je näher er den Soldaten und Panzern am Checkpoint kam. Laith versuchte, möglichst freundlich zu lächeln. Er wollte sich die Anspannung nicht anmerken lassen. Dann zeigte er den Bewaffneten seinen Ausweis. Sie blickten auf sein Foto, musterten ihn, scheinbar endlos. Endlich winkten sie ihn durch. Laith durfte zur Uni gehen.

»Es gibt keine Gesetze in Syrien. Überall kann dir etwas pas-sieren. Entweder es f ällt auf dem Weg eine Bombe, du wirst erschossen oder entführt«, sagt Laith heute. Heute – das ist in Deutschland, bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher im Triestpark auf dem Campus der FU. Der 25-Jährige ist einer von 221 jungen Syrern, die mithilfe des Stipendienprogramms »Leadership for Syria« nach Deutschland kommen durften, um hier zu studieren. Seit dem vergangenen Wintersemester macht Laith nun an der FU seinen Master in Mathematik.

Im September 2014 kündigte das Auswärtige Amt in Zusammenarbeit mit dem DAAD das Stipendienprogramm an. »Wir dürfen nicht zulassen, dass infolge des Syrien-Konflikts eine verlorene Generation heranwächst«, hieß es damals von Außenminister Steinmeier. Unter dem Titel »Leadership for Syria« wolle man mit neun Millionen Euro jungen Syrern durch Sti-pendien eine Perspektive geben, einen Beitrag zum Wiederaufbau Syriens leisten.

Angestoßen wurde das durch eine deutschlandweite Kampagne. Christoph Schwarz, Postdoktorand an der Uni Marburg, und Greta Wagner, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Uni Frankfurt, appellierten damals an das Auswärtige Amt und den DAAD. Sie forderten ein Stipendienprogramm für syrische Flüchtlinge. Die Resonanz an deutschen Hochschulen war enorm: 200 Professoren und mehr als 4000 weitere Uni-Angehörige unterstützten den Appell. «Leadership for Syria« war das Ergebnis.

Es ist schwierig, sich mit Laith zu treffen. Er hat viel zu tun mit seinem Studium, dem neuen Leben in Berlin. Vor unserem Gespräch war er schon mit seiner schwangeren Frau am Wannsee. Sie ziehen häufig los, um Berlin zu erkunden: die Siegessäule, das Brandenburger Tor, den Zoo. Sein Lieblingsort aber ist die FU, besonders die Bibliothek. »Ich weiß, dass das komisch klingt, aber dort gibt es so viele Bücher, die ich lesen will.«

In Aleppo war das anders: Weniger Bücher, leichterer Stoff. Sein Unialltag war trotz Krieg aber erstaunlich normal. Es gab Vorlesungen und Seminare. Nur die Zahl der Studierenden hatte sich im Laufe der Zeit halbiert. Viele seiner Freunde wurden vom Militär eingezogen oder flohen aus Aleppo. Laith wollte erst seinen Bachelor machen. Dass er ohne Bildung keine Perspektive haben würde, dessen war er sich bewusst. Deshalb blieb er – und passierte jeden Tag aufs Neue die fünf Checkpoints.

Der Krieg in Syrien war schon im dritten Jahr, als Laith seinen Abschluss machte. Dann hielt ihn nichts mehr. Er suchte Sicherheit, eine Perspektive, verließ Aleppo und flüchtete in die Türkei. Hier konnte er zwar leben, studieren aber nicht. Stattdessen arbeitete er zwölf Stunden am Tag: Bis in den Nachmittag gab er syrischen Flüchtlingen Matheunterricht, danach arbeitete er in einem Handyladen. Sein Geld reichte gerade für Miete und Lebenshaltungskosten.

Als Laith dann von »Leadership for Syria« hörte, bewarb er sich. Mit passablem Englisch und Abschluss in Mathe hatte er eine Chance. Aus 5000 Bewerbern wählte der DAAD 221 Stipendiaten aus. Dabei spielten weder politische Ausrichtung noch humanitäre Kriterien eine Rolle. Schwarz, der damals den Appell initiierte, kritisiert das: »Die soziale Situation sollte ein eigenes Kriterium bei der Auswahl sein.« Ansonsten würden möglicherweise Ungleichheiten reproduziert, die unter anderem erst zum Konflikt in Syrien geführt haben.

Laith erzählt auch von den Hubschraubern in Syrien, die Fassbomben abwarfen. Davon, wie er dann nicht wusste, wohin er rennen sollte. Er erzählt von Nächten, in denen er in die Felder fliehen musste und wie er sich einmal sechs Stunden vor Soldaten in einem Fass versteckte.

Laut der Ausschreibung spielte dies bei »Leadership for Syria« alles keine Rolle. »Das Programm soll eine nach fachlichen Kriterien ausgewählte Elite mit einem Studien- oder Forschungsaufenthalt in Deutschland auf die Aufgabe vorbereiten, das künftige Syrien mitzugestalten und zu führen.« So sagt es DAAD-Präsidentin Margret Wintermantel. Das widerspreche jedoch dem humanitären Grundgedanken des Appells, kritisiert Christoph Schwarz.

Laith ist dankbar für sein Stipendium, fühlt sich aber eher nicht als Elite. »Jeder steht in der Verantwortung, Syrien aufzubauen«, sagt er. Wenn der Krieg vorbei ist, will er Mathe unterrichten – an Universitäten oder Schulen. Das wird sein Beitrag sein. »Das Denken der jungen Menschen wird – durch Angst und Gewalt – zerstört sein. Wir müssen zuerst ihr Denken ändern.«

Der Masterstudent kann es immer noch nicht fassen, dass er in Deutschland ist. »Es ist wie ein Traum«, sagt er im Park. Man sieht ihm nicht an, dass er mal ein Teil einer verlorenen Generation gewesen sein soll. Oder dass er irgendwann die Zukunft eines ganzen Landes mitgestalten wird. Was allerdings auffällt, ist sein Lächeln: Es ist nicht das aufgesetzte aus Aleppo, als er vor den kontrollierenden Soldaten möglichst freundlich wirken wollte. Es ist ein unendlich erleichtertes Lächeln. Laiths Weg von der Uni nach Hause ist zwar inzwischen etwas weiter als in Aleppo. Aber in Dahlem muss er keine Checkpoints passieren.

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