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Hände weg vom Steuer!

Der Berliner Stadtverkehr kann die Hölle sein. Wie schön wäre es, sich dabei entspannt zurücklehnen zu können? Unsere Autorin wagte die Probefahrt im selbstfahrenden Auto der FU. Sie wurde bitter enttäuscht. Von Sarah Ashrafian

Und jetzt ohne Hände! Daniel Göhring lässt das Steuer los. Foto: Anke Schlieker

Und jetzt ohne Hände! Daniel Göhring lässt das Steuer los. Foto: Anke Schlieker

Ich fahre in einem Cabriolet eine Küstenstraße entlang. Es ist Sommer und die Sonne knallt auf meinen Kopf, während ich hinter dem Steuer sitze. Mit der linken Hand greife ich nach dem kühlen Mojito neben mir, während ich mit der rechten meinen Lippenstift nachziehe.

Moment, was? Schon bald könnte diese Vorstellung durch autonomes Fahren mehr als nur ein Traum sein. Nicht im Silicon Valley, sondern genau hier, an der Freien Universität, entwickeln Forscher zurzeit ein solches autonomes Auto. Seit 2006 sitzt ein Forscherteam der FU unter der Leitung von Raul Rojas, Professor für künstliche Intelligenz, an der Technik für das selbstfahrende Auto. Mittlerweile hat das Team schon das zweite Auto zu einem autonomen Modell umgebaut. Es trägt den Namen „Made in Berlin“. Bis jetzt ist es nur ein Prototyp, fahrtüchtig ist es aber allemal. So mache ich mich auf den Weg, um meinen Cocktail hinterm Steuer – wenn schon nicht an einer sonnigen Küstenstraße, so doch wenigstens in Berlin-Dahlem – genießen zu können.

Doch leider werde ich gleich zu Beginn meines Ausflugs in die Zukunft bitter enttäuscht. Denn nicht ich sitze hinter dem Steuer, sondern Daniel Göhring. Er ist Juniorprofessor für „Mobile Robotics and Autonomous Vehicles“ an der FU. „Das Auto braucht immer mindestens zwei ausgebildete Fahrer, die mit der Technik vertraut sind“, erklärt mir Daniel Göhring. „Dabei hat der Beifahrer die Aufgabe, über einen Computer die gesamte Technik des Autos zu überwachen.“

So werde ich also auf die Rückbank verfrachtet.Und auch das Fahren ist noch lange nicht so autonom wie erwartet: Das Auto kann selbstständig nur Strecken fahren, die vorher mit eigens entwickelter Software kartographiert wurden. Das heißt, die Strecke muss dem Auto vollkommen bekannt sein. Dabei geht es nicht bloß um Ampeln, sondern auch um Spuren auf der Straße, welche das Auto dann während des Fahrens wahrnehmen kann. Deshalb fahren wir erst einmal heteronom bis zur Thielallee. Hier kennt sich „Made in Germany“ aus.

Zuerst muss das Auto sich auf einem Parkplatz sammeln. Durch einen Schlüssel verbindet es sich mit dem Laptop. Wenn dieser steckt, wird die Verbindung zwischen Auto und Computer freigegeben. Dann erst übernimmt der Computer die Regie. „Manchmal müssen wir das mehrmals probieren“, sagt Göhring.

Tatsächlich stürzt die Technik immer wieder ab. Während die beiden Techniker in der ersten Reihe etwas von „neu starten“ murmeln, nutze ich die Zeit, um die Hardware des Autos zu betrachten. Um das ganze Auto herum sind Kameras und Laserscanner installiert. So kann es während der Fahrt alles um es herum wahrnehmen. Einen toten Winkel hat es aber trotzdem – wie jeder Mensch hinterm Steuer auch. Nicht der einzige Aspekt, der human bleibt. Die sogenannte Trägheitsmesseinheit ist das Herzstück des Autos. Sie ist dem menschlichen Innenohr nachempfunden und sorgt für Stabilität.

„Und wir sind autonom in drei, zwei, eins.“ Daniel Göhring lässt nun tatsächlich das Steuer los und „Made in Germany“ saust von ganz alleine die Thielallee hinunter. Einen richtigen Unterschied merke ich nicht. Aber ein wenig mulmig wird mir schon. Mein Leben liegt nun nicht mehr in der Hand von Menschen, sondern in der einer Maschine. „Natürlich können wir jederzeit eingreifen“, beruhigen mich die Profis auf der Steuerbank, „wir müssen nur Gas und Bremse berühren oder den roten Notknopf drücken.“

Trotzdem bleibe ich ängstlich. Und da bin ich nicht die Einzige, auch das Auto scheint reichlich nervös. Immer wieder bremst es abrupt ab und ich fliege wie bei einer Notbremsung nach vorne. Dabei reagiert das Fahrzeug auf alles, was gefährlich werden könnte – egal, ob Mensch oder Grashalm. Die Technik des „Made in Germany“ ist noch nicht soweit, dass es zwischen den Dingen unterschieden kann, die es gerade sieht.

„Dies zu verändern ist unser Ziel für die nächsten Jahre«, erklärt Göhring. „Es ist auch wichtig, damit autonomes Fahren im Stadtverkehr besser wird – die wirkliche Herausforderung.“

Kurze Zeit später merke ich auch, warum. Das Auto bremst, obwohl die Ampel grün ist und wir bleiben mitten auf der Straße stehen. Kurz vor der Ampel hält ein Bus. Das Auto verwechselt die roten Rücklichter des Busses mit Ampeln. Es folgt prompt ein Hupkonzert.

Im internationalen Vergleich liegt „Made in Germany“ noch ein ganzes Stück zurück – obwohl es in den 90ern eines der ersten autonomen Fahrzeuge war. Mittlerweile haben es aber fast alle Modelle mit ihrer Technik überholt. Das „Google Car“ kann zum Beispiel kann je nach Größe, Form oder Bewegungsmuster die Menschen und Dinge in der Umgebung klassifizieren und danach sein Verhalten besser koordinieren. Es kann sogar einschätzen, wie sich die anderen Objekte im nächstenSchritt verhalten werden. Die Schwierigkeiten, die „Made in Germany“ im Straßenverkehr hat, haben andere Modelle schon längst ausgelotet.

„In zwei bis drei Jahren könnten wir soweit sein, dass autonomes Fahren auf Autobahnen möglich ist“, sagt Daniel Göhring. Das oberste Ziel sei dabei, dass die Autos dann untereinander kommunizieren können. Dann könnten sich die Fahrer tatsächlich zurücklehnen und die Autos den Rest machen lassen. Diese entscheiden dann, wer wann bremsen muss oder wer überholt. Doch wer trägt die Verantwortung dafür, wenn etwas schief geht? Was, wenn das Auto die falsche Entscheidung trifft und jemand zu Schaden kommt? „Das können wir als Informatiker nicht beantworten. Mit den Fragen muss sich die Gesellschaft auseinander setzen“, so Göhring. Seiner eigenen Verantwortung scheint er sich wenig bewusst. Auch wer konkret Antworten auf diese Fragen finden soll, lässt er unerwähnt. Dabei müsste es Hand in Hand mit der Entwicklung gehen, dies zu klären.

Für mich ist die Testfahrt erst einmal beendet. Ein bisschen autonomer hätte ich mir das Fahren schon vorgestellt. Ich weiß aber gar nicht, ob ich es mir wirklich so viel autonomer gewünscht hätte. Wenn tatsächlich niemand die Verantwortung übernehmen möchte, bin ich nicht nur skeptisch – ich habe auch Angst vor der Zukunft. Nun steige ich aber auf mein Fahrrad und fahre vollkommen selbständig nach Hause. Vielleicht gönne ich mir dort später noch einen Cocktail auf meinem Balkon.

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