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Der Psychologe im Smartphone

Millionen von Menschen in Deutschland leiden an Depressionen. Ein Diplom-Psychologe hat die App »Moodpath« entwickelt, die Betroffenen den Weg zur Therapie erleichtern soll. Doch ist das Smartphone dafür das richtige Instrument? Von Cecilia T. Fernandez

Mit neun Fragen am Tag will Mark Goering das Leben von Millionen Menschen verändern. Sie lauten etwa: Hast du gut geschlafen? Fühlst du dich zurzeit innerlich unruhig? Gibt es derzeit Dinge in deinem Leben, die du richtig genießen kannst? Die Antworten sollen die Menschen einer App verraten. Nach zwei Wochen wird sie ihnen eine Einschätzung geben. Manchen wird sie empfehlen, einen Therapeuten aufzusuchen. Denn sie sind möglicherweise depressiv. Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden innerhalb eines Jahres an einer Depression. Fast jeder Zehnte kämpft im Laufe seines Lebens mit der Erkrankung. Studien zufolge versucht etwa die Hälfte der Betroffenen, Suizid zu begehen. Etwa 15 Prozent der schwer Depressiven verlieren so ihr Leben.

Goering will daran etwas ändern. Der Diplom-Psychologe hat die App »Moodpath« entwickelt. Sie wird zurzeit in Kooperation mit der FU und einer Klinik im Theodor-Wenzel-Werk, das sich auf psychologische und psychiatrische Behandlungen spezialisiert, entwickelt. Mit ihren insgesamt neun Fragen soll die App Nutzern helfen, die Symptome einer Depression zu erkennen.

Zwei Wochen lang stellt Moodpath dem Nutzer Fragen zu seinem Wohlbefinden, seinem Schlafrhythmus, seinen Gedanken. Sie antworten ganz einfach »ja« oder »nein«. Die App sammelt diese Daten und liefert eine detaillierte Auswertung. Mithilfe von Graphen und Texten wird Nutzern erklärt, ob sie Symptome einer Depression vorweisen und wenn ja, wie stark diese jeweils ausgeprägt sind. Nutzer, deren Angaben auf eine depressive Erkrankung hinweisen, haben die Möglichkeit, in einem Beratungsgespräch mit einem Experten grundlegende Fragen zu klären: Wo ist der nächste Therapeut? Welchen Antrag braucht die Krankenkasse? Mit einer ärztlichen Diagnose sei das nicht zu verwechseln, so Goering: »Wir wollen Leute dazu befähigen, sich Hilfe zu holen.«

Goerings Plan: Das Smartphone soll zum Erstberater werden. Und noch mehr – Patienten und Therapeuten sollen die App auch therapiebegleitend einsetzen, um Fortschritt und Schwierigkeiten zu verfolgen. Auch nach der Therapie könne sie als Warnsystem fungieren, um Rückfällen vorzubeugen. Anhand ihrer Angaben können Nutzer frühzeitig erkennen, wann sie wieder in eine depressive Phase geraten. »Dann können sie Strategien aus der Therapie bewusster einsetzen oder auch erneut Hilfe suchen, bevor es zur Krise kommt«, so Goering. Aber kann man sich auf Moodpath verlassen?

Den größten Vorteil der App sieht Goering darin, dass sie Daten mitten aus dem Alltag der Betroffenen entnimmt. Denn sobald potenzielle Patienten beim Therapeuten vorstellig werden, bekommen auch sie Fragen zu den vergangenen zwei Wochen gestellt. Dann aber machen sie Angaben, die oft durch ihre Erinnerung verzerrt sind. Wer etwa beantworten soll, wie er in letzter Zeit geschlafen habe, der erinnert sich womöglich eher an drei qualvolle Nächte als an zehn ereignislose. Auch für Therapeuten ergebe sich durch die in der App gesammelten Daten ein neuer Einblick in das Leben ihrer Patienten, meint Goering.

Langfristig will Goering Moodpath als wissenschaftlich anerkannte Lösung etablieren. Daher kooperieren die Macher der App mit der FU. Am Arbeitsbereich »Klinische Psychologie und Psychotherapie« betreut Sebastian Burchert eine Pilotstudie. Drei unterschiedliche Probandengruppen testen die App: stationäre Depressionspatienten, ambulante Patienten und Studierende, bei denen keine Erkrankung bekannt ist. Funktioniert die Einschätzung der Anwendung, wird sie unterschiedliche Schweregrade in den jeweils verzeichneten Symptomen messen.

Doch auch, wenn die App schon präzise funktionieren sollte – werden Therapeuten sie nutzen? »Gerade, wenn sie noch keine Erfahrungen mit dieser Technologie gesammelt haben, könnten Therapeuten zunächst skeptisch reagieren«, meint Burchert. Doch sie haben die Pflicht, ihren Patienten die bestmögliche Behandlung anzubieten: »Und dazu gehört es auch, neuen Technologien gegenüber offen zu bleiben«, so Burchert. Wissenschaftlich geprüfte Apps wie Moodpath könnten Psychologen gewinnbringend in ihrer Arbeit einsetzen: »Für eine vernünftige Diagnose müssen Therapeuten verstehen, wie Erkrankte ihren Alltag erleben, was sie wann empfinden.« Dazu seien sie auf die Angaben der Erkrankten angewiesen. Und diese Daten können Betroffene am Smartphone bequem und unmittelbar eintragen.

Natürlich gebe es Alternativen, etwa Tagebücher, wie sie heute schon in Therapien eingesetztwerden. Aber: »Die Menschen werden in Zukunft kaum etwas so viel benutzen wie ihr Smartphone. Das müssen Therapeuten für sich nutzen«, so Burchert. Die Angst, von der App ersetzt zu werden, sei unbegründet.

Das sieht auch Sabine Hoffmann so. Sie leitet in den Kliniken im Theodor-Wenzel-Werk den psychologischen Dienst zweier Abteilungen für Psychiatrie und Psychotherapie. Zwölf ihrer Pa- tienten testen die App bereits. Hoffmann versichert: »Persönliche Therapie wird immer wichtig bleiben.« Dennoch sei internetbasierte Therapie besser als gar keine. Angebote wie Moodpath können Therapien unterstützen und Wartezeiten bis zum Erstgespräch mit einem Experten überbrücken.
Doch darüber, ob die Patienten die App nutzen sollten, gab es laut Hoffmann angeregte Diskussionen. Manche ihrer Kollegen befürchteten, das Smartphone könne Erkrankte von ihrer Behandlung ablenken. Diese Bedenken teilt Hoffmann nicht: »Im Gegenteil, bei Moodpath müssen Patienten sich ja ganz bewusst damit auseinandersetzen, wie es ihnen gerade geht. Das fördert die Konzentration auf das Hier und Jetzt.«

Trotzdem gebe es natürlich Fälle, in denen das Smartphone keine Hilfe sei: »Gerade bei schweren Erkrankungen müssen wir Patienten manchmal aus ihrem gewohnten Umfeld holen und schädliche Beziehungen unterbrechen«, erklärt sie. Bei
bestimmten Krankheitsbildern vernetzen sich Betroffene außerdem via Internet, tauschen sich etwa in Foren darüber aus, wie man sich selbst verletzen könne. »Diesen Patienten durch die Nutzung von Moodpath nahezulegen, ihr Smartphone min-destens drei Mal täglich zu nutzen, wäre der falsche Weg«, sagt Hoffmann.

Auch Moodpath-Gründer Goering weiß um diese Probleme. »Die Antwort darauf kann aber nicht sein, das Internet zu ignorieren, sondern ein Gegenangebot zu schaffen.« Goering plant schon den nächsten Schritt. Er will das Prinzip der App künftig auch auf die Erkennung anderer Krankheiten, etwa auf Suchterkrankungen, übertragen. Die Zukunft der therapeutischen Versorgung – für Mark Goering liegt sie auf einem kleinen Bildschirm.

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