Bedingungslos zufrieden | FURIOS Online
FURIOS wünscht Euch schöne Semesterferien! Aktuelles rund um die FU gibt es hier wieder ab dem 13. Oktober.
Bis dahin viel Spaß mit unseren wöchentlichen Ferienserien FURIOS auf Reisen und Berlins Bibliotheken im Test!

Bedingungslos zufrieden

Passend zum chinesischen Neujahresfest trug der Schauspieler Reinhard  Hauser die wahrhaftig dramatische „wahre Geschichte des Ah Q“ vor. Karolin Tockhorn fand die über hundert Jahre alte Geschichte erstaunlich aktuell.

16667702_1238786949530968_819923665_o

Von den Decken hängen chinesische Laternen. Das Rednerpult wird von einer purpurnen Decke geziert. Langsam füllt sich der stimmungsvoll geschmückte Raum mit interessierten Zuhörern verschiedener Altersgruppen, die mit Spannung auf die dramatische Lesung Lu Xuns Novelle „Die wahre Geschichte des Ah Q“ entgegenblicken. Es liest: Reinhard Hauser, ehemaliger Schauspieler am Burgtheater in Wien. Eingeleitet wird der Abend durch den österreichischen Sinologen Prof. Dr. Richard Trappl, der selbst Experte für chinesische Literatur ist und das Direktorat des Konfuzius-Instituts Wien innehat. Trappl erklärt die Thematik und Bedeutung der Novelle, so dass sich auch fachfremde Zuhörer schnell ein Bild davon machen können, was sie erwartet. Lu Xun (1881-1936) gilt in der Volksrepublik China als Begründer der modernen Literatur. Er schrieb mit keinem geringeren Ziel als die Gesellschaft zu verändern. Aus diesem Grund entschied er sich, anstatt den Beruf des Arztes zu ergreifen, Schriftsteller zu werden. So dachte er, könnte er mehr Menschen auf einmal helfen.

Eine Lesung zum Zusehen

Als der Cellist Taner Türker schließlich den Raum betritt und ruhige Klänge anstimmt, verstummt das letze Gemurmel in den Reihen. Türker hat die Musik eigens für die Lesung komponiert. Bald hört man vom anderen Ende des Raumes eine laute Stimme und Hauser bahnt sich von hinten, lesend seinen Weg durch die Reihen .Dem Publikum wird schnell deutlich, was es sich unter einer „dramatischen Lesung“ vorzustellen hat. Hausers Vortrag der Novelle gleicht einer theatralischen Ein-Mann- Performance. Er trägt das Skript mit einer solchen Leidenschaft und gekonntem Einsatz von Mimik und Gestik vor, dass man gar nicht anders kann, als ihm dabei zuzuhören und zuzusehen.

Und so entführt Hauser seine Zuhörer ins chinesische Kaiserreich zum Anfang des 20sten Jahrhunderts. Er erzählt die Geschichte des tollpatschigen Tagelöhners Ah Q, der mit der Intention, durch große Reden die Welt zu verändern, umherzieht. Obwohl er nichts erreicht und seine Mission von ständigem Scheitern, Hohn und Prügeln begleitet wird, ist er stets zufrieden. Alles was ihm wiederfährt, nimmt er bedingungslos hin, ohne es je zu hinterfragen. In der Figur des Ah Q schuf Autor Lu Xun einen Spiegel der chinesischen Gesellschaft seiner Zeit. Er kritisiert den ewigen Fokus auf das Belanglose, anstatt einer Auseinandersetzung mit dem Essentiellen. Jedes Verlieren nimmt Ah Q als Gewinnen hin. Egal was ihm widerfährt, es ändert nichts an seiner Einstellung. Ah Q ist so abgestumpft wie die Gesellschaft in der er lebt. Als er schließlich zu Unrecht eines Einbruches beim mächtigen Herrn Zhao beschuldigt und festgenommen wird, erreicht die Erzählung ihren tragischen Höhepunkt.

Sinnlose Hinrichtung

Die existenzielle Sinnlosigkeit des Protagonisten wird geradezu überspitzt, als er sein eigenes Todesurteil unterzeichnet. Alles was ihn währenddessen bewegt, ist die Tatsache, dass er nicht schreiben kann und Angst hat, sich zu blamieren, als er schließlich gebeten wird, stattdessen einen Kreis zu malen. Ah Qs Gedanken beschäftigen sich nun damit, den Kreis möglichst rund und ordentlich zu zeichnen. Er schläft daraufhin zufrieden in seiner Zelle ein und erscheint am nächsten Tag sorglos zur Hinrichtung. „In dieser Welt war es eben nicht zu vermeiden, auf einmal hingerichtet zu werden. Vielleicht um für die Massen ein Exempel zu statuieren.“

Durch ihre dramatische Darstellung regt die Lesung zum Nachdenken an. Die Thematik der Gefühlskälte, die Autor Xun hier skizziert, dürfte uns allen bekannt vorkommen. Ah Q macht den Fehler, Verluste nie als solche zu benennen und unterschreibt damit im wahrsten Sinne des Wortes sein eigenes Todesurteil. Natürlich ist die Figur stark überzeichnet, dennoch steckt zweifellos in jedem von uns ein bisschen Ah Q.

Kommentar verfassen

Chaotische Koordination

Der Traum von der Ferne: Viele Studierende verbringen ein oder zwei Semester im Ausland. Karolin Tockhorn und Hannah Lichtenthäler haben nachgefragt, welche bürokratischen Hürden sie überwinden mussten.  » weiterlesen