Mitläufer: Queer durch Schöneberg | FURIOS Online
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Mitläufer: Queer durch Schöneberg

Wer das queere Schöneberg der wilden 1920er kennenlernen möchte, kann dies bei der alternativen Stadtführung „Sonderweg Berlin“ tun. Lukas Burger ist mitgelaufen.

Der Nollendorfplatz bildet das Zentrum des Regenbogenkiezes. Foto: Flickr.

Der Nollendorfplatz bildet das Zentrum des Regenbogenkiezes. Foto: Flickr.

Schöneberg gilt als angenehmer, aber auch als ruhiger, fast langweiliger Bezirk. Als Ausgehmöglichkeit fällt einem neben vereinzelten Bars, höchstens noch der Regenbogenkiez um den Nollendorfplatz ein. Diese Gegend gilt als eines der attraktivsten Ausgehziele für alle, die an queerer Kultur interessiert sind. Und das nicht erst seit gestern! Der Kiez hat eine Tradition die bis in die Zwischenkriegszeit zurückreicht. Wer sich für diese Zeit und vor allem für die queere Geschichte Schönebergs interessiert, sollte an der Stadtführung „Queer durch Schöneberg“ teilnehmen.

Wir starten die Führung an der Haltestelle Bülowstraße. Es geht an der Potsdamer Straße entlang durch eine Gegend, der man ihre Geschichte als queere Kulturoase wahrlich nicht ansieht. Das liegt daran, dass viele Gebäude aus den 1920er Jahren durch den Krieg zerstört oder abgerissen und durch moderne Bauten ersetzt wurden.

Führung durch das “lasterhafte Berlin”

Ende der Zwanziger war der Regenbogenkiez fünfmal so groß wie heute und erstreckte sich nicht nur um den Nollendorfplatz, sondern über ganz Nord-Schöneberg. Über 80 Etablissements für queeres Publikum soll es gegeben haben, allein über 30 für lesbische Frauen. Davon gibt es heute in ganz Berlin kein Dutzend mehr, stellt Tobias Schwabe, der Tourguide, fest. Er hat viele Fotos dabei, die zeigen, wie die Bars, Tanzsäle und Plakate aus dieser Zeit einmal ausgesehen haben.

Besonders durch viele Anekdoten lässt Tobias die Geschichte lebendig werden. So erfährt man, dass es in der Nähe des Dennewitzplatzes einen Strich für lesbische Frauen gab. Nicht weit entfernt fand man den Nationalhof, einen Ballsaal für hunderte von Gästen, der auch queere Tanzveranstaltungen ausrichtete. Tobias’ Lieblingsquelle ist dabei der „Führer durch ein lasterhaftes Berlin“ von Curt Moreck. Im Jahr nach seinem Erscheinen 1931 wurde das Buch bereits wieder verboten, verkaufte sich in dieser Zeit dennoch vierzigtausend Mal. In seinem verruchten Stadtführer kommentierte Moreck alle relevanten Etablissements seiner Zeit und somit auch die vielen Bars, Ballsäle, Bordelle und Cabarets für queeres Publikum.

Das Ende kam mit der Nazizeit

Während wir weiter durch Schöneberg laufen erzählt Tobias von den Orten und Protagonisten des queeren Schönebergs, beziehungsweise Berlins. Zum Beispiel von Carl Magnus Hirschfeld, einem Arzt und Mitbegründer der ersten Homosexuellenbewegung, der schon hundert Jahre vor Judith Butler die Konstruiertheit von Geschlechtern feststellte. Oder Anita Berger, einem skandalösen It-Girl der 1920er Jahre, die in einer lesbischen Dreierbeziehung lebte und an den Folgen ihres Kokainkonsums starb. Tobias erzählt von dem De De, einem Edelbordell für Männer, in dem viele Prominente verkehrten und in dem man sich das – ausschließlich männliche – Objekt seiner Begierde mithilfe einer Menükarte erwählen durfte.

Doch man erfährt nicht ausschließlich vom queeren Leben der damaligen Zeit. Denn natürlich warf der Nationalsozialismus bereits in den goldenen Zwanzigern seine Schatten voraus. Bereits Ende der 20er Jahre kontrollierten die Nationalsozialisten Drogenhandel und Prostitution in Nord Schöneberg. Wir erfahren, dass der Nazi-Verbrecher Ernst Röhm, selbst offen lebender Schwuler, in berühmten Szenelokalen wie dem El Dorado verkehrte, bevor diese lebendige Kultur von den Nazis zerstört wurde. So veranschaulicht die Tour durch die liberale Szene der damaligen Zeit auch, dass gesellschaftliche Freiheit nichts Unvergängliches ist. Damit ist sie unangenehm aktuell.

Wer an der Tour „Queer durch Schöneberg“ teilnehmen möchte, findet auf http://sonderweg-berlin.de weitere Informationen.

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