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Mitläufer: Auf Dieters Spuren

Berlin ist nicht nur Bundeshauptstadt, sondern auch Hauptstadt der Obdachlosen. Kim Mensing lernte bei der Stadttour „Querstadtein“, was es bedeutet, wenn die Straße zum Zuhause wird.

Mit Dieter geht es durch Straßen, die mal sein Zuhause waren. Foto: Mathias Becker | querstadtein.org

Mit Dieter geht es durch die Berliner Straßen, die mal sein Zuhause waren. Foto: Mathias Becker | querstadtein.org

Stadtführer Dieter hat eine traurige Geschichte zu erzählen: Drei Monate lang war er obdachlos. Damit ist er einer von etwa 6000 Menschen, die zurzeit auf Berlins Straßen leben.  Bei der Stadttour „Querstadtein“, die der Verein Stadtsichten e.V. veranstaltet, zeigt Dieter Plätze und Straßen, die einmal sein Zuhause waren.

Die Führung startet am S-Bahnhof Zoologischer Garten. Spätestens mit dem Film „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist der Ort bekannt für seine Drogenszene.  Dieter erzählt, er selbst habe immer die Finger von Drogen gelassen. Trotzdem sagt er: „Jeder ist zumindest zu einem kleinen Teil an seiner Obdachlosigkeit Schuld.“

Vom Alltag auf der Straße

Seine Wohnung in Erfurt verlor Dieter durch eine Kündigung wegen Eigenbedarf. Der Vermieter stellte ihm vorzeitig Strom, Gas und Wasser ab, mitten im Winter. Er hätte sich wehren müssen, sagt Dieter rückblickend. Stattdessen wurde er durch die Unterkühlung schwer krank und konnte sich nicht um die Wohnungssuche kümmern. Nach seiner Entlassung aus der Klinik trampte er nach Berlin. Hier fand Dieter Anschluss und verbrachte jeden Tag in einer Gruppe von acht Leuten auf der Straße.

Die Tour ist anders konzipiert als klassische Sightseeing-Touren: Statt historische Denkmäler zu betrachten, sieht man durch die kleinen Anekdoten aus Dieters Leben gewöhnliche Orte mit anderen Augen. Da ist zum Beispiel der Savignyplatz. „Es gibt keine besseren Schlafplätze“, sagt Dieter und zeigt auf eine der weißen, langen Sitzbänke, die rund um die Grünfläche angeordnet sind. Hier hätten er und seine Freunde am liebsten die Nächte verbracht – wenn die Bänke nicht schon von anderen Obdachlosen belegt waren. Vor dem Gebäude der Universität der Künste in der Hardenbergstraße bleibt er stehen und zeigt auf eine schwarze, verschlungene Skulptur: „Der beste Wäschetrockner der Stadt.“

Vom Obdachlosen zum Professor

Auch vor der Volkswagen-Bibliothek der Technischen Universität bleibt Dieter stehen und erzählt:  Einmal habe er in einer Kleiderkammer einen feinen Anzug gefunden, sich geduscht und rasiert und sei dann in  die Bibliothek gegangen. Mit einem Buch „Theoretische Informatik“ in der Hand, von dem er eigentlich nichts verstand, wurde er dann von einem Studierenden für einen Professor gehalten. Diesen Moment, sagt Dieter mit einem Schmunzeln im Gesicht, habe er richtig genossen: Gerade noch obdachlos, schon Professor.

Nach etwa zweieinhalb Stunden kommt einem Dieter wie ein alter Kumpel vor. Die Atmosphäre ist locker und bietet Platz für persönliche Fragen. Ob er etwas an der Zeit als Obdachloser vermisse? „Die Freundschaften“, sagt er. „Ich habe noch nie so einen Zusammenhalt erlebt. Wir waren aufeinander angewiesen und rund um die Uhr zusammen.“ Trotzdem sei er ohne die Hilfe außerhalb dieser Kreise wohl nicht von der Straße gekommen. Ein Polizist habe ihn aufgefangen und an einen Sozialarbeiter vermittelt. Über einen weiteren Kontakt fand er eine Wohnung mit Anstellung als Hausmeister. Heute bietet er regelmäßig Stadttouren an und engagiert sich als Ehrenamtlicher in Obdachlosen- und Flüchtlingseinrichtungen.

Querstadtein ist ein Projekt des Vereins Stadtsichten e.V. und bietet Stadtführungen von Obdachlosenund Geflüchteten in Berlin an. Termine und Tickets findet ihr hier: querstadtein.org/de

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