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Alternativlos an der FU

Diversität und Toleranz werden an der Uni großgeschrieben. Dafür sind politische Diskurse aber sehr einseitig. Sind also alle einer Meinung? Oder bleiben andere Ansichten bloß unausgesprochen? Von Friederike Werner

 

Alle Studierende sind links, weltoffen und tolerant. So etwas wie die AfD gibt es an der Uni nicht – Bildung schützt schließlich vor Populismus. Oder? Der Schock war groß, als in Kassel vor einem Jahr der erste Kandidat der „Jungen Alternativen Hochschulgruppe“ ins Studierendenparlament einzog. Muss das Klischee des links-orientierten Studierenden nun überdacht werden?

Dr. Carsten Koschmieder forscht an der FU zu Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und dem Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Partizipation. Er sieht einen Unterschied im Lebensstil von gebildeten und ungebildeten Leuten. Als Studierender absolviere man Auslandssemester, beschäftige sich mit anderen Ländern und mache Projekte im Ausland. „Bildung ist eine Zwischenvariable. Sie befähigt uns, gewisse Erfahrungen zu sammeln, die uns toleranter und offener machen. Und sie sorgt – in der Regel – auch dafür, dass wir uns weniger materielle Sorgen machen müssen.“ Statistiken bestätigen, dass Menschen mit formal niedrigerer Bildung anfälliger für rechtsextreme Einstellungen sind. „Wenn ich bestimmte Menschen nie treffe, kann ich auch meine Vorurteile über sie schwieriger abbauen“, erklärt Koschmieder.

Man wisse außerdem, dass Leute, die beispielsweise die AfD wählen, mit ihrer wirtschaftlichen und sozialen Situation unzufrieden sind. 90 Prozent von ihnen geben an, sie hätten das Gefühl, dass das Leben schlechter und unsicherer wird. „Wer formal hochgebildet und deswegen mobil ist, kann viel schneller auf seine Unzufriedenheit reagieren und sich neu orientieren“, erklärt Koschmieder. Trotzdem ist es ihm wichtig zu betonen, dass rechtsextreme Einstellungen in allen gesellschaftlichen Schichten auftauchen: „Es ist nicht so, dass es diese Leute an der Uni nicht gibt.“ Aber im Diskurs werden sie nicht sichtbar. Wo sind sie? Und was bringt jemanden, der weder abgehängt noch ungebildet ist, zur AfD?

„Ich bin der Meinung, dass das, was Deutschland kulturell ausmacht, schützenswert ist“, antwortet Ambros Tazreiter auf diese Frage. Der FU-Student ist Pressesprecher der Jungen Alternative Berlin. „Und ich glaube, dass eine Welle an illegalen Migranten uns nicht voranbringen wird.“ So weit, so diskussionswürdig. Dass immer wieder darauf herumgeritten werde, dass nur ungebildete Menschen die AfD wählen, sei ein Versuch, die Partei zu diffamieren, sagt Tazreiter. Er geht davon aus, dass viele Studenten mit der AfD sympathisieren, dies aber nicht zugeben.
Auch wenn es sich dabei möglicherweise nur um eine handvoll Menschen handelt: Sie weisen auf einen blinden Fleck vieler Studierender hin, die davon ausgehen, dass ihre Kommilitonen genau so links sind wie sie. Dabei gehen Wahrnehmung und Realität des Meinungsspektrums an der Uni auseinander. Nicht alle Studierende sind sich einig, vielmehr bevorzugt der Diskurs eine bestimmte Meinung – und das beginnt schon bei Positionen, die im Gegensatz zu denen der AfD vollkommen legitim sind. Sie sind nur eben nicht links genug. Im Studierendenparlament beteiligen sich meist nur die kritischen Linken – die anderen bleiben stumm. „Der Asta ist nicht das realistische Abbild der gesamten Studentenschaft“, sagt auch Koschmieder.

Ronald Gläser hat Mitte der 90er Jahre BWL und Amerikanistik an der FU studiert, heute ist er Pressesprecher der AfD Berlin und Redakteur der rechten Wochenzeitung “Junge Freiheit”. Er sagt, er habe sich damals noch nicht zu seinen politischen Ansichten bekannt. Als Problem habe er das jedoch nicht empfunden: „Ich habe meine politischen Anschauungen nie an der Universität ausleben müssen. Da gab es für mich nichts zu gewinnen, ich war dort, um zu studieren und empfand es als Zeitverschwendung, mich hochschulpolitisch zu engagieren.“ Stattdessen habe er sich lieber der Politik außerhalb der Uni zugewandt.

Dass die AfD bei Studierenden wenig Unterstützung erfährt, hat für ihn weniger mit Bildung zu tun, als vielmehr mit dem Lebensabschnitt, in dem sie sich befinden: „Die wachen erst auf, wenn sie ihre erste Lohnabrechnung bekommen und sehen, dass 50 Prozent ihres Gehalts an den Staat gehen – um damit Leute zu finanzieren, die keine Lust haben zu arbeiten oder ihre Bank gegen die Wand gefahren haben.“ Er glaubt, dass ein anderes Denken einsetze, sobald Leute älter werden und Kinder haben. „Dann beschäftigen sie sich mit ihrer Nachbarschaft, fangen an, eine Lokalzeitung zu abonnieren und interessieren sich mehr für die Politik ihres Kindergartens als für Trump und Obama.“ Mein Haus, mein Kind, meine Nation? Was für eine traurige Zukunftsvision.

Die AfD-Sympathisanten, die sich hochschulpolitisch engagieren, kämen erst mal bei anderen Gruppen unter, glaubt Gläser: „Die würden sich nicht den AfD-Namen geben, um nicht gleich alle Ressentiments zu mobilisieren.“
Es klingt wie ein Vorwurf, die AfD sieht sich gern in der Opferrolle. Hat sie ein Recht darauf? Sind die Vorbehalte gegen die Partei berechtigt oder schränken sie die Meinungsfreiheit ein? Meinungsvielfalt sollte auch an der Uni gewährleistet sein – aber nur, solange sie sich im demokratischen Rahmen bewegt. Dass die AfD hier Grenzen überschreitet, findet Gläser nicht. Auch rassistisch sei in seiner Partei niemand. Aussagen von Beatrix von Storch oder Frauke Petry zum Thema Flüchtlinge und Grenzschutz seien durch die Medien falsch interpretiert.

Die Verfassungskonformität der AfD ist in vielen Aspekten fragwürdig. Es verwundert nicht, dass für rassistische Diskussionen an der Uni kein Platz ist. Aber oft werden im universitären Diskurs bereits konservative Meinungen nicht akzeptiert. Alicia Lohmann, Vorsitzende der Liberalen Hochschulgruppe an der Freien Universität (LHG FU), kritisiert das. Die Einseitigkeit der hochschulpolitischen Landschaft werde schon bei den Einführungsveranstaltungen sichtbar, wenn sich nur linke Gruppen vorstellen, sagt sie. Die LHG FU ist die einzige liberale Gruppe der Uni und Lohmann erzählt, dass sie großen Zulauf habe: “Es gibt viele Leute, die sich an der Uni nicht repräsentiert fühlen.” Dass einige Mitglieder eigentlich am liebsten einer AfD-Hochschulgruppe beitreten würden, glaubt sie aber nicht. “Wir grenzen uns scharf von der AfD und jeglicher Hetze gegen Flüchtlinge ab.”
Gruppen wie die LHG FU oder der konservative Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) gehen im linken Tenor der Hochschulpolitik beinahe unter. Welche Gefahr birgt es, wenn Studierende das Gefühl haben, dass an der Uni kein Raum für ihre Meinung ist?

Die Tabuisierung bestimmter Positionen in der Hochschulpolitik sei absurd und wenig sinnvoll, sagt Koschmieder. “Nähe zur CDU oder FDP gilt in manchen Bereichen beispielsweise nicht mehr als legitime politische Einstellung, sondern als inakzeptabel. Studierende sollten sich auch mit Positionen auseinandersetzen, die sie nicht teilen.” Dabei müsse aber natürlich auf einen demokratischen Konsens geachtet werden, an dem nicht gerüttelt werden kann. Bestimmte Dinge sollten jedoch nicht mehr diskutiert werden findet Koschmieder: „Wenn jemand der Meinung ist, dass Ausländer minderwertig sind, sollte er das nicht in den Diskurs einbringen dürfen. Ich glaube auch nicht, dass sich jemand abreagiert, wenn er seine Gedanken mal rauslässt. Diese Einstellungen verstärken sich durch den Diskurs erst.“ Die Phrase „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“ bedeute in Wirklichkeit nicht, dass jemand etwas einfach mal sagen möchte, sondern dass er es unwidersprochen sagen möchte. „Dass dieser Widerspruch nicht ausbleibt, ist für mich eine große Errungenschaft und kein Problem.”

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