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„In der Kneipe rede ich anders“

Die studentische Blase offenbart sich nicht zuletzt durch die Sprache, die wir gebrauchen. Doch ist das hinderlich oder sogar notwendig? Und müssen Sprachrevolutionen von der Uni ausgehen? Prof. Dr. Margreth Lünenborg ist wissenschaftliche Leiterin des Margarita-von-Brentano-Zentrums und Prof. Dr. Horst Simon Professor für historische Sprachwissenschaft. Ein Gespräch über das Gendern und vorschreibende Pädagogik. Von Sarah Ashrafian und Anke Schlieker

FURIOS: Frau Lünenborg, Herr Simon, im universitären Kontext wird eine andere Sprache gesprochen als im Rest der Gesellschaft. Wird somit ein neuer Sprachraum geschaffen?

Margreth Lünenborg: Ich sehe die Universität und die nicht-akade­mische Welt nicht als abge­schlossene Glocken, die sich nicht berühren. Das wäre ja furchtbar. Es gibt auf jeden Fall Wechselwirkungen. Aber Sprache ist immer sozial und kulturell verortet. Wie wir hier sprechen, unterscheidet sich natürlich davon, wie ich mit Freunden in der Kneipe spreche.

Horst Simon: Im akademischen Diskurs, gerade an der FU, halten wir das Genderthema für zentral. In der Öffentlich­keit gibt es aber oft massiven Gegenwind. Ganz deskriptiv: Der Unterstrich und das Gen­dersternchen sind außerhalb von Universitäten und gewis­sen gesellschaftlichen Grup­pen nicht weit verbreitet. Es ist daher natürlich ein Beispiel für eine Blase, dass wir so re­den und aus gutem Grunde so reden. Viele andere erachten das aber als irrelevant, wenn nicht sogar als vollkommen hirnrissig.

Lünenborg: Deswegen wünsche ich mir, dass eine Auseinandersetzung mit Sprache, die wir hauptsächlich in Seminaren führen, auch Wirkungen außerhalb der Universität erzeugt. Natürlich gibt es auch außerhalb des akademischen Betriebs Menschen, für die es wichtig und selbstverständlich ist, kreativ mit der deutschen Sprache umzugehen, sodass sie möglichst inklusiv ist, möglichst Viele adressiert und idealerweise auch immer mindestens zwei Geschlechter sichtbar macht.

Ob eine Person gendert oder nicht, sagt sehr viel über sie aus. Kann es nicht dadurch soweit kommen, dass plötzlich direkt über die Sprache der Bildungshintergrund einer Person erkannt wird?

Simon: Wir können nicht vermeiden, dass Sprache etwas über die Person aussagt, die sie verwendet. Das geht los mit der Hypothese, die Sie über meine Geschlechtsidentität ha­ben, allein schon durch meine Stimmlage. Aus der Art, wie meine Vokale ausgesprochen werden, haben Sie eine grobe Idee, aus welcher Region ich komme. Auch soziale Milieus sind eines der Parameter, die eine Rolle spielen. Gehört eine Person zu den Linken aus Kreuzberg oder kommt sie aus einem Nobelvorort von München? Das macht sich zum Beispiel daran fest, wie viele Fremdwörter sie ver­wendet.

Das Benutzen von verkom­plizierter Sprache kann auch zu Unverständnis oder Kom­munikationsschwierigkeiten führen.

Simon: Natürlich, aber das ist mit allen Fremd- und Fachwörtern so. Fachwörter muss man kennen, um sie zu verstehen. Aber die benutze ich hauptsächlich im akademischen Diskurs. Mit der Öffentlich­keit muss ich ja nicht genauso reden, das würde man auch von keinem Physiker erwarten. Sie sollen untereinander so reden, wie es wichtig ist, um zu ihrer Erkenntnis zu gelangen. Und dann möchte ich, dass sie mir die Essenz ihrer Forschung mit einfachen Worten erklären.

Lünenborg: Manchmal brauchen wir einfach Begriffe, die nicht alltäglich sind, um deutlich zu machen, was wir damit erklären wollen. Manchmal brauchen wir um der Präzision Willen auch schwierigere Wörter, die uns etwas quer im Mund liegen.

Besonders Kinder, die nicht aus akademischen Familien kom­men, sind aber oft abgeschreckt von der Art der Sprache an Universitäten.

Lünenborg: Ja das stimmt. Personen, die aus einem nicht-akademischen Umfeld an Universitäten kommen, haben oft das Gefühl: »Oh Gott, wovon reden die überhaupt?« Es kann nicht darum gehen, die Studierenden in einer Erstsemesterveranstal­tung mit einer Flut an Fremdwörtern zu konfrontieren. Dadu­rch wird rhetorisch ein Gefühl von Fremdheit erzeugt. Für mich als Hochschullehrerin bedeutet das, neu bei uns ankom­mende Studierende behutsam in dieses Feld einzuführen.

Wie wahrscheinlich ist es aus linguistischer Perspektive, dass bewusste Einflussnahme auf Sprache im Alltag über­nommen wird?

Simon: Ich glaube, sie wurde schon übernommen. Aber vielleicht denke ich auch so, weil sich mein ganzes Leben in dieser Blase abspielt. Im En­glischen sieht man das man­chmal besser als im Deutschen. In den 70er Jahren schrieb man etwa noch: »When the student …, he will…«. Und heute heißt es »they will …«. Das widerspricht allen Regeln der englischen Grammatik, aber es hat sich durchgesetzt. Dass man Frauen sprachlich mitdenkt, ist auch in Deutschland mittlerweile viel weiter ver­breitet. Teilweise ist es sogar gesetzlich vorgeschrieben, zum Beispiel bei Stellenanzeigen.

Sind solche Prozesse natürliche oder unnatürliche Formen des Sprachwandels?

Simon: Sprachwandel funktioniert normalerweise unbewusst. Wer Texte schreibt, weiß, dass Gendern nervig ist. Und die Tatsache, dass wir dauernd darüber nachdenken müssen, ist ein Beweis dafür, dass es ein unnatürlicher Sprachwandel ist. Aus einer solchen Perspektive ist es natürlich zum Scheitern verurteilt, Sprache verändern zu wollen, indem man Leuten vorschreibt, was sie zu tun haben, um gendermäßig brav zu sein.

Ist es Aufgabe der Universität, neue sprachliche Impulse zu set­zen, die dann vom Rest der Gesellschaft übernommen werden?

Simon: Ja, denn beispielsweise hinter dem Gendern steht zu­nächst eine empirische Erkenntnis: Wir denken unterschiedlich über Menschen, je nachdem welche Sprache verwendet wird. Es gibt ein Problem mit Sprache und Geschlecht. Das zu be­weisen ist die Aufgabe der Universitäten. Wer der Meinung ist, dass Frauen gewisse Rechte haben sollten, muss irgendwie mit dem Thema umgehen. Die Universität kann verschiedene Möglichkeiten vorschlagen, die die Gesellschaft annehmen kann oder auch nicht.

Lünenborg: Ich würde nicht sagen, dass der Impuls für das Gendern aus der Universität hervorgegangen ist. Gerade mit Blick auf Geschlechter­verhältnisse gibt es eine lange Tradition von sozialen Bewe­gungen: Von Frauenbewe­gungen, von Queer-Commu­nities, die in die Universitäten hineinwirken und in den Universitäten dann wiederum weiter wirken. Ich sehe nicht zwangsläufig Universitäten als Nukleus der Innovation, sondern auch als ein Feld, das auf andere gesellschaft­liche Formationen reagiert. Nichtsdestotrotz sind wir uns im wissenschaftlichen Betrieb in besonderer Weise über Wirkung und Deutungsmächtigkeit von Sprache bewusst. Damit haben wir auch eine bestimmte Verpflichtung, dies in unserem Sprachgebrauch umzusetzen. Ich halte es für selbstver­ständlich, sich zumindest Gedanken zu machen, welche Inklu­sion oder Exklusion ich durch Sprache vornehme.

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