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Nebenwirkung: Gehirntumor

Wissen ist nicht nur Macht, sondern auch Risiko? Studierte Menschen erkranken wesentlich öfter an Gehirntumoren als Nicht-Studierte. Das wollen zumindest britisch-schwedische Wissenschaftler herausgefunden haben. Wir sind der Studie auf den Grund gegangen und haben versucht herauszufinden, ob studieren tödlich sein kann. Von Rebecca Stegmann

Illustration: Robin Kowalewsky

Gute Ausrede für die nächste Prüfung: Lernen ist ungesund! Illustration: Robin Kowalewsky

Klappt die Bücher zu, rennt aus der Bibliothek und brecht schleunigst das Studium ab – euer Gehirn wird es euch danken. Die Ergebnisse einer im Juni 2016 veröffentlichten britisch-schwedischen Studie hören sich beunruhigend an: Frauen, die drei Jahre oder länger zur Uni gegangen sind, hatten ein um 23 Prozent höheres Risiko an dem häufigsten bösartigen Hirntumor, einem Gliom, zu erkranken, als Frauen mit geringer Schulbildung. Bei Männern waren es 19 Prozent. Auch höheres Einkommen und das Innehaben einer leitenden Position wurden mit einem erhöhten Hirntumorrisiko in Zusammenhang gebracht.

Die Größe der Untersuchung ist beeindruckend: Es handelt sich um eine sogenannte Kohortenstudie, bei der fast alle Schweden, die von 1911 bis 1961 geboren wurden, berücksichtigt wurden. Aus dem nationalen Krebsregister konnten die Wissenschaftler entnehmen, welche von diesen etwa vier Millionen Menschen zwischen 1993 und 2011 an einem Hirntumor erkrankten. Die Daten zu Bildung, Familienstand, Einkommen und Beruf der Personen zum Zeitpunkt der Diagnose sammelten die Forscher aus verschiedenen schwedischen Nationalregistern.

Wie beurteilt ein Experte die Befunde? Martin Misch ist Oberarzt der Neurochirurgie an der Charité und forscht zu Hirntumoren. Die Studie sei in den Fachkreisen viel diskutiert wourden. Methodisch sei sie gut gemacht. „Skandinavische Länder sind für solche Studien geeignet, weil die Bevölkerungszahl überschaubar ist und es ein allgemein zugängliches, gutes Gesundheitssystem gibt.“ Einen Grund, das Studium abzubrechen, sieht Misch trotzdem nicht. Der Neurochirurg muss beim Lesen der Hirntumorstudie an Störche denken. Er erzählt von einer Studie, die gezeigt hat, dass in Regionen mit mehr Störchen auch mehr Kinder geboren werden. „Eine Korrelation muss nicht notwendigerweise auch eine Kausalität bedeuten“, verdeutlicht Misch. Bei den Störchen handelt es sich um eine Scheinkorrelation. Das heißt, der festgestellte Zusammenhang zwischen Datenwerten ist entweder reiner Zufall oder lässt sich über weitere Faktoren erklären. Für die Störche könnte das der Industrialisierungsgrad sein. In industrialisierten Gebieten gibt es weniger Störche und auch eine niedrigere Geburtenrate.

Misch kann sich nicht vorstellen, dass Bildung, also der Verknüpfungsgrad der Synapsen, zu Hirntumoren führt. Die Ursache für die Korrelation sieht er in unterschiedlichen Lebensstandards, die mit der sozioökonomischen Position eines Menschen einhergehen. „Aber welcher von diesen tausenden Aspekten des Lebensstils das ist, weiß ich nicht.“

Stress und Schlafmangel könnten eine Rolle spielen, vermutet Misch. Der Neurochirurg erklärt, dass im Schlaf Reparaturprozesse stattfinden, die die Tumorzellen zerstören. Unter Stress könne das Immunsystem Tumorzellen eventuell weniger gut erkennen – so seine Hypothese. Der Hauptautor der Studie, Amal Khanolkar, sagte hingegen in einem Interview, dass Personen mit niedriger sozioökonomischer Position vermutlich gestresster seien und sich die Befunde somit nicht durch das Stresslevel erklären ließen. Die Studie vermutet stattdessen, dass Menschen mit höherer Bildung und Einkommen früher ärztliche Hilfe aufsuchen würden und der Gehirntumor dadurch häufiger erkannt wird.

Bislang nachgewiesene Ursachen von Hirntumoren sind vorherige Strahlentherapien, Schädelhirntraumata und bestimmte Erbkrankheiten. Handynutzung wird von einigen Wissenschaftlern ebenfalls als Ursache für Tumorgenese vermutet – allerdings widersprechen sich die Studien. Misch ist davon nicht überzeugt. „Theoretisch müsste sich eine Seitenbetonung feststellen lassen, an der Seite, an der man normalerweise telefoniert. Das konnten wir hier an der Charité aber nicht nachweisen.“

Die Ernährung zählt zu den tausenden Faktoren, die den Lebensstil ausmachen und die potenziell tumorfördernd sind. Während die einen Forscher nachgewiesen haben wollen, dass Tomaten, Schokolade und Kaffee das Krebsrisiko senken, bescheinigen die anderen ihnen eine krebserregende Wirkung. Auch dazu, dass fast jedes Nahrungsmittel schon einmal in einer Studie auf sein Krebsrisiko untersucht wurde, gibt es eine Studie. „Die Publikationsflut hat auf jeden Fall sehr stark zugenommen”, sagt Misch.

Die Störche bringen also nicht die Babys und Bildung verursacht wohl keine Hirntumore, sondern der Auslöser liegt bei einem oder mehreren der Faktoren, die bei der Studie nicht untersucht wurden. Das heißt: zurück in die Bibliothek, Bücher aufklappen, um hoffentlich irgendwann herauszufinden, ob Stress oder doch das Essen von Tomaten den Zusammenhang zwischen dem Abschluss und den Hirntumoren erklärt.

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