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Not my President

Nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten protestierten landesweit tausende Studierende. Besonders in der liberalen Enklave Kalifornien hatte niemand mit dem Ergebnis gerechnet. Trotzdem müssen die Studierenden nun mit den Folgen umgehen. Ein Bericht von einer der liberalsten Universitäten des Landes. Von David Rouhani

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Das Herz der meisten Studierenden hier schlägt für Bernie Sanders.

Es geht ruhig zu in Isla Vista am 8. November. Freiwillige versuchen, die letzten Wahlberechtigten an die Urne zu locken. Lokale Abgeordnete gehen noch einmal auf Stimmenfang. Ansonsten ist wenig zu spüren von der Aufregung, die seit Monaten die Medien beherrscht. Isla Vista, das ist ein Ort mit 20.000 Einwohnern an der kalifornischen Küste, der zu knapp 80 Prozent von Studierenden der University of California Santa Barbara (UCSB) bevölkert wird.

Die Universität gilt als eine der liberalsten im ganzen Land. Ähnlich wie die FU stellt der Ort in Sachen politische Orientierung eine große Ausnahme dar. Hier können die meisten nichts anfangen mit Trumps Hass, mit der Wut und Angst der Weißen anderswo. Die Gruppe der Campus Republicans und Trump-Sympathisanten machen hier bloß einen kleinen Teil der Studierendenschaft aus. Stattdessen wird in Vorlesungen darüber debattiert, wieso es überhaupt wichtig ist zu wählen. Eigentlich warten die meisten nur noch darauf, dass Hillary Clinton den erwarteten Sieg einfährt.

Einen Tag später ist die Realität in diese unbeschwerte, liberale Blase eingeschlagen. Bedürfte es noch einer Bestätigung, dass an dieser Wahl nichts normal war, dann gibt es sie am Morgen in der Vorlesung zum amerikanischen Regierungssystem. Der Hörsaal ist so gut gefüllt wie zuletzt bei Semesterbeginn. Während der Professor Ausschnitte der Reden von Trump und Clinton zeigt, herrscht absolute Stille. In den Reihen sitzen verheulte Gesichter. Einige schütteln den Kopf, andere starren apathisch ins Leere.

Als der Professor nach Eindrücken zu Trumps Siegesrede fragt, meldet sich eine afroamerikanische Kommilitonin: „Donald Trump is full of trash.“ Mit immer wieder brechender Stimme erinnert sie lautstark an dessen von Rassismus, Sexismus und Xenophobie geprägte Kampagne, nennt ihn „a piece of shit“ – und erntet tosenden Applaus. Ein anderer bezeichnet Trump als „Textbook-Mussolini“. Immer wieder fällt nostaligisch der Name von Bernie Sanders.

Mit Sanders gab es noch Begeisterung für die Wahl, die mit der Nominierung Hillary Clintons als demokratische Kandidatin verschwand. Das Herz der meisten schlägt für Bernie, wie ihn hier alle nennen. „Er war auf einer Wellenlänge mit den Studierenden, weil er ihre progressiven Überzeugungen teilte“, erklärt Michael Stohl, Professor für Politische Kommunikation an der UCSB. Einige T-Shirts und Sticker auf Laptops erinnern an die Zeit, in der er hier Hoffnung auf Wandel verbreitete. Nun hat der Wunsch nach Wandel am Ende die Wahl entschieden – allerdings zu Gunsten von Trump. „Die Enttäuschung der Jugend sollte nun in Engagement umgemünzt werden, sodass sich ihre zahlenmäßige Stärke auch im politischen Prozess ausdrückt”, hofft Stohl.

Als erste Reaktion erfolgte ein starker Protest gegen Trump und dessen von Erfolg gekrönte hasserfüllte Kampagne. Weit über tausend Studierende zogen noch in der Wahlnacht durch die Straßen und machten Ihrer Wut Luft – viele von ihnen im Schlafanzug. Sporadisch skandierte die Menge „Fuck Donald Trump“ oder „Not my president“.

Welche Auswirkungen kann Trumps Präsidentschaft überhaupt auf den Alltag haben in einer liberalen Strand-Enklave wie Isla Vista? „Der Ort hat sich bereits verändert“ meint Victor Garcia. Der 20-Jährige ist Mitglied des Student Activist Network, ei-ner Gruppe, die andere Hochschulgruppen bei Ihren Aktionen unterstützt und zentral koordiniert. Victor berichtet: „Wir erleben seit der Wahl ein höheres Ausmaß sexueller Belästigung als je zuvor.“

Denn Trumps wenige Anhänger fühlen sich durch seine Wahl gestärkt und trauen sich nun, ihre Anfeindungen offener auszutragen als zuvor – sogar an Orten wie diesem. Victor sorgt sich vor allem um diejenigen, die Minderheiten angehören. Die Campus Republicans suchen nun zum Beispiel gezielt nach Kommilitonen ohne Papiere, die an der UCSB studieren, um sie den Behörden zu melden. „Das ist zwar nicht ganz neu, ge-schah jedoch nie so offen“, sagt Victor.

Unter Liberalen prägen Wut und Ratlosigkeit die ersten Wochen nach der Wahl. Bei Kundgebungen und Diskussionsveranstaltungen ergreifen viele das Wort, um von ihrer eigenen Betroffenheit zu erzählen, oft unter Tränen. Sie rufen andere Betroffene dazu auf, in sogenannten „Healing Spaces“ zusammenzukommen. Der Blick richtet sich von der nationalen Ebene auf die Gemeinschaft vor Ort. Auch Victor und seine Mitstreiter setzen vor allem auf freiwilliges Engagement für Betroffene, weniger auf Protest gegen den neuen Präsidenten. Die Demonstrierenden sollen gezielt Unterstützung erhalten, indem man ihnen beibringt, wie sie sich bei Konfrontationen mit der Polizei verhalten oder durch das Sammeln von Spenden für einen Fonds, um die Kaution für verhaftete Demonstranten zu bezahlen.

Das Engagement für Minderheiten ist derweil auch auf höheren Ebenen angelangt. Der Vize-Gouverneur von Kalifornien hat nach Treffen mit Studierenden angekündigt, die öffentlichen Universitäten im Staat zu „Sanctuary Campuses“ erklären zu wollen. Sanctuaries sind Gemeinden, deren Behörden nicht mit den nationalen Behörden kooperieren, was den Aufenthaltsstatus von Migranten anbelangt. Der Vorstoß trifft auch unter Offiziellen der Universitäten auf Zuspruch.

Solche Entwicklungen stimmen Victor Garcia optimistisch. Er nimmt wahr, dass mehr Leute an der Uni ihren Beitrag leisten wollen. Eine solche Reaktion fordern auch viele prominente Stimmen, wie der unter Liberalen beliebte Satiriker John Oliver. In seiner ersten Sendung nach der Wahl erklärte er in einem emotionalen Appell, dass es nicht ausreiche, seine Meinung lautstark im Internet kund zu tun. Vielmehr müsse mit aktivem Einsatz und mit Spenden für die Rechte von Minderheiten, für das Recht auf Abtreibung und für den Klimaschutz gekämpft werden. Die Zuschauerrolle ist nun keine Option mehr.

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„In der Kneipe rede ich anders“

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