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Unfreie Universität

Die FU gibt sich nach außen sehr tolerant. Aber wenn es um Trans*Studierenden geht, stellt sie sich quer. So auch bei Felicia. Während ihre Kommilitonen sie als Studentin akzeptieren, schränkt die Verwaltung ihren Unialltag immer wieder ein. Von Evelyn Toma

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Foto: Karolin Tockhorn

Als Felicia vor zwei Jahren ihr Psychologiestudium begann, stellte sie sich noch als Felix vor. Eine Person, die nach außen hin zu allen freundlich war, aber selber unglücklich schien. Heute tritt an seiner Stelle eine strahlende junge Frau in die Seminarräume der FU. Die 22-Jährige begann schließlich im dritten Semester mit der Transition, dem geschlechtsangleichenden Prozess. Während es für die Studierenden keine allzu große Umstellung war, Felicia als Frau anzunehmen, fällt es der Uni noch deutlich schwerer.

Fast ein Jahr nach Beginn der Transition muss Felicia noch immer zu Semesterbeginn eine Mail an ihre Dozierenden schreiben, in der sie ihre Situation erklärt. Ein dauerhafter Vermerk in ihren Unterlagen oder in ihrem Campus Management Account ließe sich nicht bewerkstelligen, wurde ihr schon oft erklärt. Denn dazu müsste ihr Geschlecht schon in den persönlichen Dokumenten, also dem Personalausweis geändert worden sein. Beantragt hat sie dies natürlich schon, doch der Prozess kann insgesamt bis zu zwei Jahre dauern. Felicia geht das Ganze zu langsam, denn obwohl sie sehr offen über ihre Transition spricht, will sie im Alltag vollkommen als Frau wahrgenommen werden. Dafür müsste sie ihre alte Rolle hinter sich lassen können.

Leider funktioniert das nur gemeinsam mit ihren Mitmenschen. Also schickt sie Mails, erklärt den Dozierenden diese Umstände und bittet sie, ihren neuen Namen zu verwenden. »Manche streichen einfach den alten Namen von der Seminarliste und schreiben den neuen daneben.« Jeder Mensch kann dann aber beim ersten Blick auf die Liste erkennen kann, dass Felicia transgender ist. Dabei würde sie gerne einfach nur als Felicia wahrgenommen werden. Nicht als Felicia, die früher einmal anders hieß. Besser sei es, wenn die Dozierenden die Liste einfach neu ausdruckten, aber das sei schon das Best-Case-Szenario. Schlimmer sei es dagegen in der Verwaltung, die ihre Mails zum Teil trotz ausführlicher Erklärung und Signatur von Felicia, an einen männlichen Leser beantwortet. »Man merkt, dass manchen Leuten einfach die Sensibilität für das Thema fehlt.«

»Trans*personen haben es an der FU auf jeden Fall schwieriger, als cis-Personen.« Die Probleme, denen Trans*personen begegnen, seien aber generell eher struktureller Natur und nicht von einzelnen Menschen an der Uni verschuldet. Diese strukturellen Probleme müssten angegangen werden. »Nach meiner Schätzung sind zwischen 90 und 300 Menschen an der FU trans*. Diese Zahl ist nicht irrelevant und sollte nicht länger ignoriert werden«, sagt Felicia. Deshalb sieht sie großen Handlungsbedarf auf Seiten der Universität. Eine Trans*beratung, Allgender-Toiletten und eine Schulung der Dozierenden auf dem Gebiet sähe sie als großen Fortschritt.

Felicia selbst versucht ihren Teil zu einer Verbesserung der Situation beizutragen und auf das Thema aufmerksam zu machen. In Kooperation mit den Fachschaftsinitiativen bietet sie regelmäßig Workshops an verschiedenen Instituten der FU und HU an. Alle Teilnehmenden können hier ihre Fragen in einem offenen Rahmen stellen. Einige Fragen kommen immer wieder, Felicia ist mittlerweile gut auf diese vorbereitet. Sehr ehrlich erzählt sie von ihrer Kindheit, wie sie gemerkt hat, dass sie eine Frau ist und wie der geschlechtsangleichende Prozess Schritt für Schritt abläuft. Erst wenn alle Fragen beantwortet sind, hat Felicia ihr Ziel erreicht: Einen Raum zu schaffen, in dem jeder Mensch sich über das Thema informieren kann. Hoffentlich, so Felicia, werden die Menschen ihre Beklommenheit im Umgang mit Trans* verlieren. »Man muss wissen, dass es so etwas gibt und lernen damit umzugehen!«

Deshalb schreibt Felicia weiterhin Mails an die Verwaltung. Denn zusammen mit anderen Studierenden und der Frauenbeauftragten der FU versucht sie durchzusetzen, dass mindestens ein paar der Toiletten auf dem Campus zu Unisextoiletten gemacht werden. Diese sind wichtig, denn für viele trans*-Personen ist der Gang auf die öffentliche Toilette mit Ängsten verbunden. Felicia selbst hat damit auch ihre Probleme. Wenn sie vor der Toilette steht, schießen ihr lauter Fragen durch den Kopf: Ist ihr Äußeres schon »weiblich« genug, um ohne aufzufallen auf die Frauentoilette gehen zu können? Fühlt sie sich im Zweifelsfall sicherer, wenn keine Männer anwesend sind? Oder treffen sie Anfeindungen von Seiten der Frauen umso härter? Der Gang zur Toilette wird so zur Stresssituation. Häufig wählt sie deshalb sehr versteckte Klos in abgelegenen Gängen, in denen die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu treffen sowieso gering ist – und verspätet sich deshalb zu den Veranstaltungen. »Viele betroffene Menschen trinken tagsüber zu wenig, um nicht auf öffentliche Toiletten gehen zu müssen. Das kann im Sommer sehr gefährlich werden,« erzählt Felicia.

«An der Freien Universität sind keine ausgewiesenen Unisex-Toiletten eingerichtet. Dies ist bisher auch nicht beabsichtigt. Eine Umsetzung entsprechender Unisex-Sanitäranlagen wäre sehr kostenintensiv”, heißt es dazu aus dem Präsidium. Außerdem seien auch kulturelle Hintergründe der Studierenden ein Grund, weshalb geschlechtergetrennte Toiletten notwendig seien. Doch für Betroffene ist das keine zufriedenstellende Erklärung. Was die Verwaltung nur das Auswechseln der Schilder kosten würde, könnte Trans*studierenden viel Leid ersparen. Denn nicht einmal an einem vermeintlich so offenen und toleranten Ort wie der FU sind Trans*personen vor Anfeindungen geschützt.

In solchen Fällen kann Felicia sich an die Frauenbeauftragte der FU wenden. Wäre sie ein Trans*mann, hätte sie da allerdings ihre Hemmungen, meint sie. Denn explizit für Trans*personen fehlt an der FU noch immer eine offizielle Anlaufstelle. Die Universität sieht sich in Sachen Vielfalt fortschrittlich genug. Trans*personen könnten die psychologische Beratung der FU nutzen, wie die anderen Studierenden auch. Diese Form von Integration, die sich die FU da auf die Kappe schreibt, verfehlt aber die spezifischen Bedürfnisse einer nicht unerheblichen Zahl von Studierenden. Suchen Trans*menschen Hilfe und Beratung, können sie sich lediglich an das LesBiTransInterA-Referat des Asta wenden. Dort kann man sich Hilfe holen, sich mit anderen Trans*personen austauschen und beantragen, dass ein Anliegen hochschulpolitisch angegangen wird. Wäre diese Beratungsstelle Teil der Institution FU, könnte man die Ver waltung und die Probleme, die von ihr ausgehen, viel direkter erreichen, und die strukturellen Probleme der Uni schneller anpacken. «Schließlich ist es auch im Interesse der Universität, all ihren Studierenden einen sicheren Raum zu bieten”, so Felicia.

 

Das Sternchen macht den Begriff Trans* zum Umbrella Term, der nicht nur transgender Menschen umfasst, sondern alle Personen, die sich nicht mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren. Cis wiederum meint alle, die nicht in diese Kategorie fallen.

 

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