Kollektive Protestfaulheit | FURIOS Online
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Kollektive Protestfaulheit

Studierendenbewegungen haben das Potential, frischen Wind in unsere eingefahrene Gesellschaft zu pusten. Karolin Tockhorn hat nicht den Eindruck, als würde dieses Potential ausgeschöpft.

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Universitäten sind seit jeher Geburtsstätten des Protests. Gerade an der FU schmücken wir uns gerne damit, an einer super linken Uni zu studieren. Doch wie links sind die Studierenden, wenn sie nicht mal mehr für Frieden und Gerechtigkeit auf die Straße gehen?

Die aktuelle Ringvorlesung „50 Jahre danach“  blickt auf die Studierendenbewegung der 1968er zurück. Berlin war als gespaltene Hauptstadt Motor der Proteste und auch die FU spielte eine wichtige Rolle: Rudi Dutschke und Benno Ohnesorg, der von der Polizei bei Protesten erschossen wurde, waren hier immatrikuliert. Geprägt von kommunistischen Theorien kamen Studierende im Kampf gegen autoritäre Systeme, gegen Kapitalismus und für Chancen- und Bildungsgleichheit unabhängig der Herkunft zusammen. Es war zudem eine Zeit des Protests gegen patriarchale Strukturen. Die Frauenbewegung brachte im Kampf für die Gleichberechtigung Themen wie Abtreibung auf den Tisch, welche allerdings von der Bewegung als zweitranging empfunden wurde. Auch diese Ringvorlesung schenkt diesen Themen zu wenig Aufmerksamkeit.

Kein Interesse, keine Bewegung

Zwar hat sich seit 1968 einiges verändert. Doch Weltfrieden, Freiheit und Chancengleichheit für alle haben wir noch lange nicht erreicht. Vom Protestgeist der Studierenden ist wenig zu spüren. Dabei gibt es in jüngster Zeit genügend Anlässe, sich zu mobilisieren. Autokratische Präsidenten wie Trump, Putin und Erdogan sitzen an den Verhandlungstischen, der Klimawandel wird von den Mächtigsten geleugnet, und reproduktive Rechte sind nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Auch die EU steht auf wackligen Beinen: Das Brexit-Referendum hat gezeigt, wo die Politikverdrossenheit junger Menschen hinführen kann. Anstatt gegen Rechtspopulisten auf die Straße zu gehen, denkt unsere Generation an die Regelstudienzeit oder die nächste Rundreise im Ausland. Wo bleibt da der Raum für eine Bewegung? Bei Campact eine Petition gegen die AfD zu unterzeichnen ist jedenfalls keine Protestbewegung.

Die Besetzung der FU im April hat uns gezeigt, dass es unserer Generation an einer Protestkultur mangelt. Die Protestierenden konnten weder konkrete Ziele formulieren, noch die Mitprotestierenden mobilisieren. Dies hatte zur Konsequenz, dass die meisten Studierenden die Aktion bloß belächelten, anstatt Interesse zu zeigen. Sich zu engagieren muss ja nicht gleich bedeuten, polizeiliche Einträge zu riskieren. Denn spätestens die friedlichen Montagsdemonstrationen Ende der 1980er haben gezeigt, welch revolutionären Einfluss Präsenz auf der Straße allein zeigt. Es ist längst an der Zeit, den Fokus von den eigenen Interessen wieder auf die der Allgemeinheit zu verlagern, denn der Kampf gegen Ungerechtigkeit, Krieg und autoritäre Systeme ist noch nicht vorbei.

Zum Thema „Protestkultur“ wird das Politik-Ressort im kommenden Heft einen Artikel veröffentlichen.

 

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