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Hauptsache klatschen

Warum muss sich Bernie Sanders nicht einmal besonders anstrengen, um das Audimax der FU zu euphorisieren? Lukas Burger hat da so eine Theorie.

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Er kam. Er sprach. Sie klatschten. So prägnant könnte man Bernie Sanders Auftritt an der FU zusammenfassen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, etwas unterschlagen zu haben. Denn was Bernie Sanders zu sagen hatte, schien unerheblich für den darauffolgenden Applaus. Nicht, dass er schlecht geredet hätte. Sanders ist ein fähiger Rhetoriker, der, besonders in Zeiten merkelschens Einschlafvokabulars, hierzulande offene Türen einrennt. So war ihm das typisch unrhythmische Klatschen der deutschen Studierendenschaft sicher. Dabei schien ihm sein Publikum gerne durchgehen zu lassen, dass er inhaltlich weder Neues, noch besonders Originelles zu verkünden hatte.

Zum Einstieg Trump zu kritisieren und auf dessen neueste klimapolitische Fehlschläge einzugehen, war sicher dienlich, um mit seinem Publikum warm zu werden. Ist Empörung über Trump zu äußern doch kurz davor, das Reden über das Wetter als bevorzugtes Smalltalk-Thema abzulösen. Danach redet Sanders über soziale Ungerechtigkeit in seinem Heimatland, fehlende Gesundheitsabsicherung, und dass die acht reichsten Menschen der Welt mehr Geld besitzen als die finanziell schlechter gestellten 50 Prozent der Bevölkerung. Allesamt gute Themen, aber auch Punkte, über die er wahrscheinlich auch dozieren könnte, wenn man ihn nachts um drei wecken würde.

Sehnsucht nach dem deutschen Bernie Sanders

Klar ging es vor allem darum, sein neues Buch vorzustellen und wahrscheinlich ist ein Auftritt an einer deutschen Universität auch nichts, worauf Sanders sich wochenlang vorbereitet. Die Frage ist also eher, warum ihm sein Auditorium derartig euphorisch applaudiert, als hätte er die Schließung von Bibis Youtube-Kanal verkündet. Ging es nur darum einmal „the Bern“ zu fühlen? Eine Spezies zu bewundern, die selten geworden ist im Weltgeschehen: der Good Guy. Oder um eine größere Sehnsucht?

Diese Sehnsucht war in diesem Jahr schon einmal zu spüren. Damals, als der Schulz-Zug gerade dabei war, die Schallmauer zu durchbrechen. Kurz glaubten manche auch wieder, eine politische Lichtgestalt gefunden zu haben. Jetzt, wo der Schulz-Zug wieder mit dem gemütlichen Tempo einer Tram durch die politische Landschaft tuckert, sucht man die großen Gefühle eben dort, wo auch Popsongs mit Pathos arbeiten dürfen, ohne peinlich zu werden. Schließlich wird sehr viel verhaltener geklatscht, wenn Sahra Wagenknecht Sanders Argumente beinahe wortwörtlich auf Deutsch formuliert und auch der Schulz Hype war für die Leute auf Facebook nur postironisch zu ertragen. Vielleicht lässt sich politischen Lichtgestalten auch einfach leichter zujubeln, wenn sie für gewöhnlich in sicherer Entfernung wirken.

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