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Auf den Spuren der geraubten Werke

Vor über 80 Jahren wurde die Kunstsammlung des jüdischen Verlegers Rudolf Mosse von den Nazis versteigert. Nun läuft endlich die Suche nach den Werken. Von Rebecca Stegmann.

Raubkunst

Susanna hat eine lange Reise hinter sich. Foto: Rebecca Stegmann

Im zweiten Stock der Alten Nationalgalerie starrt Susanna zu einer Kuppel hoch. Seit der Künstler Reinhold Begas ihren ängstlichen Blick 1870 in Marmor haute, hat sie so einiges gesehen. Vermutlich haben ihre Augen auch des Öfteren die Rudolf Mosses getroffen. Schließlich war Susanna Teil seiner Sammlung im Mosse-Palais, zusammen mit etwa 4.000 anderen Werken.

Mosse war im ganzen Deutschen Kaiserreich bekannt als Verleger. Er war Herausgeber zahlreicher Publikationen und wurde so zum Multimillionär. Mit seiner Frau Emilie baute der jüdische Geschäftsmann ein Waisenhaus auf, gründete eine Pensionskasse für seine Angestellten und förderte unbekannte Künstler*innen. 1920 starb er, seine Sammlung erbte die Adoptivtochter Felicia. 1932 flüchtete sie vor dem Nationalsozialismus. Die Mosse-Sammlung wurde von den Nazis beschlagnahmt und versteigert, die Gemälde, Statuen und Möbelstücke sind heute vermutlich in aller Welt zerstreut.

Seit 2016 ist Susanna wieder offiziell im Besitz der Mosse-Erb*innen und steht als Leihgabe in der Alten Nationalgalerie. Verantwortlich für diesen Erfolg ist das „Mosse Art Restitution Project” (MARP), das direkt von den in Amerika lebenden Mosse-Erben betrieben wird. Auch einige weitere Werke konnte das Projekt bereits seinen rechtmäßigen Besitzer*innen zuführen. Im März 2017 gründeten die Mosse-Erb*innen zusammen mit der FU und mehreren Museen die „Mosse Art Research Initiative” (MARI); ihr gemeinsames Ziel ist es, herauszufinden, in welchen Händen sich die restlichen Werke heute befinden.

Seit der Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung sind die staatlichen Museen aller 44 Vertragsstaaten dazu verpflichtet, geraubte Kunst zurückzugeben. Manchmal kaufen sie die Werke dann von den Erb*innen zurück. Die finanziellen Verluste für die Museen sind groß, entsprechend zurückhaltend sind diese bei der Untersuchung ihrer Kunstwerke. Bei MARI schlüpft die FU deshalb als Projektträger in die Rolle eines neutralen Vermittlers. Diese Kooperation ist weltweit die erste ihrer Art. Sie erspart sowohl den Erbenden als auch den Museen viel Arbeit, indem sie doppelte Recherchen vermeidet.

In einem Raum in der Holzlaube widmen sich 20 Masterstudierende der Suche nach Anhaltspunkten zum Verbleib der Kunstwerke. „Das Projekt ist ein Prototyp und somit ein Zukunftsmodell”, sagt Meike Hoffmann, Koordinatorin des Projekts an der FU und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunsthistorischen Institut. In einem abgedunkelten Raum steht sie vor einer an die Wand projizierten Liste mit Daten zu Werken aus der Mosse-Sammlung. Je ein Gemälde suchen sich die Studierenden aus dieser Liste aus. Eduard von Gebhardts „Bildnis eines bartlosen, alten Mannes“ steht zur Auswahl und auch Carlo Brancaccios „Hafen von Neapel“. Das größte Problem bei der Suche nach den Bildern: Niemand weiß, wie die Gemälde aussehen. Die wichtigste Quelle für die Recherchearbeit, der Auktionskatalog der Versteigerung im Jahr 1934, enthält keine Fotos. Deshalb ist der erste Schritt der langwierigen Detektivarbeit die Suche nach einer historischen Fotografie. „Bei unbekannten Künstlern ist das manchmal gar nicht so leicht”, erklärt Hoffmann. Sie und ihr Team schalten „Vermisstenanzeigen“ in Datenbanken für Raubkunst, die Museen mit ihrer Sammlung abgleichen sollen. Auch alte Zeitungsartikel und Familienfotos dienen als Informationsquellen. Im Anschluss beginnt die akribische Suche nach dem*der heutigen Besitzer*in. Häufig müssen dafür zahlreiche Verkäufe nachvollzogen werden.

MARI könnte zu einem großen Erfolg bei der Suche nach Raubkunst werden und weltweit als Modell dafür dienen, wie geraubte Kunst trotz Interessenkonflikten ihren rechtmäßigen Besitzer*innen zurückgegeben werden kann. Der Sprecher der Erb*innen, Roger Strauch, sagte bei seinem Berlin Besuch zur offiziellen Vorstellung von MARI, es gehe bei dem Projekt um nichts Geringeres als „die Wahrheit”.

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