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Nostalgie war gestern

Früher war alles besser? Diese Einschätzung entstammt einer arg verklärten Sicht auf die Vergangenheit, findet Lukas Burger.

 

In Nostalgie zu schwelgen, kann manchmal durchaus schön sein. Illustration: Manon Scharstein

In Nostalgie zu schwelgen, kann manchmal durchaus schön sein. Illustration: Manon Scharstein

Nostalgie ist neben Sex der wahrscheinlich beste Verkaufsschlager überhaupt. Während Radiosender und Partyreihen mit der Musik aus dem Jahrzehnt werben, in dem sich die jeweilige Zielgruppe zuletzt jung gefühlt hat, ist jede*r von uns auf Facebook mit mindestens einer Person befreundet, deren Profilbild ein Kinderfoto zeigt. Super hip sind außerdem diejenigen, die plötzlich wieder Musik auf Schallplatten hören oder nur authentische Vintage-Klamotten aus dem Second-Hand Laden tragen. Schöne Zeiten waren das damals, denken wir uns, während wir im Hier und Jetzt anscheinend verfolgt werden von Rechtspopulismus, cybermobbenden Smombies und einem Kulturpessimismus, ausgelöst durch egozentrische „Youtube-Stars“. Die Welt geht vor die Hunde, oder positiv umgedeutet: Früher war alles besser.

Dabei bedienen die Antagonist*innen der Gegenwart sich ebenfalls der Vergangenheit, wenn es darum geht, ihr Weltbild auszuschmücken. Rechtspopulist*innen, religiöse Fanatiker*innen und andere Bremsklötze auf dem Weg des Fortschritts beklagen hauptberuflich einen Werteverfall, der so nicht stattfindet. Diejenigen, die unsere Werte anfeinden, tun das vor allem so laut, weil sich der allgemeine Wertekanon zu ihren Ungunsten verbessert hat und sie Angst haben, bald ihre privilegierte Position zu verlieren und in Vergessenheit zu geraten. So lassen sich AfD und Co. als Wachstumsschmerzen einer Gesellschaft im Wandel begreifen.

Erscheint unsere eigene Nostalgie da nicht widersprüchlich? Will man wirklich zurück in die Zeit der coolen, aufregenden Gegenrevolution der 68er, in der Homosexualität noch unter Strafe stand? Sollte man die eigenen Großeltern auf deren Diamanthochzeit darum beneiden, dass sie einer Zeit entstammen, in der Scheidung noch ein zu großes Tabu war? Oder sind wir von unseren Privilegien einfach dermaßen verwöhnt und gelangweilt, dass wir nicht wissen, wie gut es uns geht?

Zumal mitnichten alles immer schlimmer wird. So diskutieren wir heute den Gender Pay Gap und müssen nicht mehr über den Missstand reden, dass Frauen ohne die Erlaubnis des Ehemannes oder Vaters nicht arbeiten oder gar ein Bankkonto eröffnen dürfen. Auch wenn feministische Kämpfe noch lange nicht abgeschlossen sind, waren Grundvoraussetzungen wie materieller Wohlstand oder Zugang zur Bildung in unseren Breitengraden nie besser als heute.

Die Probleme, die wir immer noch haben, sind keine Lappalien. Allerdings sind sie auch kein Grund, sich in eine goldene Vergangenheit zurück zu wünschen. Denn diese gibt es nur auf alten Fotos, die auch ohne Filter immer nur schwarz und weiß waren. Vielmehr sollten wir dazu beitragen, dass auch unsere Gegenwart nicht zur goldenen Vergangenheit verklärt wird. Eines Tages werden wir uns in einer hoffentlich besseren Zukunft noch daran erinnern, dass heutzutage Menschen wegen Grenzen sterben und achtmal so viele Bewerbungen schreiben mussten, wenn ihr Name nach Migrationshintergrund klingt, nur um dann im Falle einer weiblichen Geschlechtsidentität schlechter bezahlt zu werden.

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