Kulturpessimismus als Kunst | FURIOS Online
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Kulturpessimismus als Kunst

Das Berliner Rap-Duo „Zugezogen Maskulin“ spuckt Gift und Galle und es mundet gar köstlich, findet Lukas Burger.

Zugezogen Maskulin frisch aus der Wäsche. Bildmontage / Foto: Buback Tonträger, Illustration: Joshua Leibig

Vor zehn Jahren waren die Grenzen in Rapdeutschland noch klar abgesteckt. Es gab die braven, bürgerlichen Mittelstandsrapper, die mit ihren Songs auch mal ins Radio durften und die bösen Straßenrapper, die sich zum Ziel gemacht hatten, mit der Verrohung der Jugend reich zu werden. Heute fällt diese Unterscheidung nicht mehr ganz so leicht. Einerseits machen immer mehr Straßenrapper Songs, mit denen sie sich auch gleich beim Musikantenstadl bewerben könnten. Zum anderen haben sich nicht alle, die mit Aggro-Berlin sozialisiert wurden, den Prophezeiungen ihrer Eltern gefügt, einmal mit dem Joint im Arm auf dem Bahnhofsklo zu sterben. Zwei dieser Exemplare aus denen beim besten Willen nicht Nichts werden wollte, nennen sich heute Testo und Grim104 und machen zusammen als Zugezogen Maskulin Musik. Dabei arbeiten sie sich an der Parole unserer Zeit ab: Alle gegen Alle.

Den jungen Kreativen die Laune vermiesen

Ins Formatradio werden sie damit wahrscheinlich nicht kommen. Schade! Denn dort würden ihre Songs zwischen der Vertonung von gesellschaftlichem Eskapismus und politischen Analysen à la „an der AfD sind nur die Ossis schuld“ positiv herausstechen, so wie sie das überall sonst auch tun. Das tut weh – vor allem der Berliner Möchtegernavantgarde: Ob Craftbeer-Connaiss*euse, Bio-Elitäre oder Jünger des Instagram Körperkults; alle, die den eigenen Lebensstil nutzen, um sich über Soziale Medien als etwas Besonderes zu inszenieren, bekommen ordentlich ihr Fett weg. Dabei gelingt es den beiden Rappern mit ihrer Kritik einen Ton zu treffen, der weder predigend, noch nach deutscher Comedy klingt.

Kein Easy Listening

Man kann wunderbar über den Kulturpessimismus lachen, doch er verkommt nie zum amüsanten Selbstzweck. Schließlich sehen die beiden hinter dem Selbstdarstellertum eine wachsende soziale Kälte, hinter jeder medienwirksamen Darstellung von Konsum eine Repräsentation unserer Leistungsgesellschaft. Während also die konsumierenden jungen Kreativen aufs Korn genommen werden, festgestellt wird, dass das nur scheinbar Idyllische nicht das Wahre ist, aber wenigstens die Musik in der Jugend etwas Halt gibt, entspinnt sich für den Hörer ein weites Feld an Anspielungen und Querverweisen. So zitiert Grim104 zum Beispiel Haftbefehl, um drei Songs später auf das Intro vom Prince of Bel Air an zu spielen. Testo bezieht sich auf 300 und disst den Konsumrapper Rin, ohne dessen Namen nennen zu müssen.

Das alles wird von tiefen Bässen und harten Drums unterlegt, gestaltet sich aber deutlich zugänglicher, als das Vorgängeralbum „Alles Brennt“. Es ist eine gute Portion Autotune im Spiel und Testo versucht sich so manches Mal als Sänger. Generell bleiben Rollen innerhalb des Duos klar verteilt: Testo ist der neunmalkluge Lümmel aus der letzten Bank – Grim hingegen der hysterische Gruselmärchenerzähler, gesegnet mit einer Stimme, als wäre er das uneheliche Kind von Rumpelstilzchen und der Hexe aus Hänsel und Gretel. Einer Stimme, die im Alleingang dafür sorgen könnte, dass es der Hörer hier nicht mit Easy Listening Musik zu tun bekommt, die aber perfekt zu der apokalyptischen Ausmalung der Sollbruchstellen unserer Gesellschaft passt.

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