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Nicht aller Anfang muss so schwer sein

Ein Pflegepraktikum im Medizinstudium soll berufsvorbereitende Einblicke in den Krankenhausalltag bieten. Die Praxis sieht häufig anders aus. Ein Erfahrungsbericht von Judith Rieping

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Das Pflegepraktikum für Medizinstudierende – eine verschlossene Tür? Foto: Judith Rieping

Stumm warten wir auf den Dienstbeginn. Frühschicht. Wir alle hängen unseren Gedanken nach. Ein Klingeln durchbricht jäh die Ruhe, ein Patient bittet um Aufmerksamkeit. Niemand steht auf, die Blicke gehen herum und bleiben schließlich auf mir ruhen- der neuen Pflegepraktikantin. Ich werfe einen unsicheren Blick in den Raum, kommt jemand mit? Es ist doch erst der dritte Tag hier, und wo war überhaupt nochmal der Knopf, um den Alarm auszuschalten? Na gut, dann eben allein. Ein schüchternes Klopfen an der Tür; ich hoffe noch immer, das Problem könnte sich in Luft auflösen.

Zwischen Idee und Wirklichkeit

Oft sind die Aufgaben, die mich hinter der Tür erwarten, Kleinigkeiten: ein Wasser, das fehlt oder ein Kissen, das gerade gerückt werden soll. Doch es gibt auch Momente, in die man besser vorbereitet gehen müsste. Nur knapp einem gröberen Fehler zu entgehen, bleibt kein Einzelfall in meinem Praktikum auf Station. Eine Sauerstoffsättigung unter 85 %, Panikattacken, ansteckende Krankenhauskeime, falsch zugeordnete Infusionen- die Liste ist lang und das Gefühl von Überforderung oft groß.

Das Pflegepraktikum gehört traditionell zur ärztlichen Ausbildung. Medizinstudierende sollen ein dreimonatiges Praktikum auf einer pflegerischen Station im Krankenhaus machen. Während man sonst die meiste Zeit in der Bibliothek verbringt, chemische Verbindungen oder Zellzyklen studiert, soll das Praktikum laut Approbationsordnung „in Betrieb und Organisation eines Krankenhauses“ einführen. Doch, was das genau bedeutet, wird nirgendwo beschrieben.

Und natürlich, die zusätzlichen Arbeitskräfte werden auf Station gebraucht. Wo Unterbesetzungen, Überstunden und ständig wechselnd besetze Schichtdienste die Tagesordnung sind, freut sich jeder über weitere Hände zum Helfen. So kann man es den Pflegekräften nicht wirklich verdenken, wenn die Einarbeitung teilweise auf der Strecke bleibt.

Es mangelt an der Organisation

Doch was das für die einzelnen Praktikant*innen und die Patient*innen bedeutet, ist leider in vielen Situationen unabsehbar. Schließlich ist für Azubis genau festgeschrieben, welche Aufgaben sie übernehmen dürfen; auch FSJ-ler*innen haben im Krankenhaus feste Vorgaben. Nur für Medizinstudierende sind die Verantwortungsbereiche unklar. Zudem erschweren festgeklopfte Hierarchien die offene Kommunikation. Wer später als ärztliches Fachpersonal arbeiten will und zunächst der Pflege zuarbeitet, wird oft als Vertreter*in der besser bezahlten Berufsgruppe gesehen.

Dabei könnte das Pflegepraktikum eine Zeit sein, in der genau diese Hindernisse überwunden werden. Wer einmal Einblicke in die Pflege bekommen hat, weiß später besser, wie viel Arbeit eine einzelne ärztliche Anordnung bedeuten kann und was die Anstrengungen dabei sind. Doch ohne festgelegte Ansprechpartner*innen auf Station und einen geregelten Aufgabenumfang ist zu befürchten, dass nicht nur die Patient*innen und Hygienestandards unter den so eingesetzten Praktikant*innen leiden. Auch die Studierenden selbst erleben Momente, auf die man sie besser vorbereiten sollte.

An meinem letzten Praktikumstag sitzen wir im Stationszimmer, ich werde herzlich verabschiedet. Ich schaue mich noch einmal um, heute, so kommt es mir vor, hängen die Blicke noch länger in der Luft. Vielleicht denken die anderen über ihre Erfahrungen als Anfänger*in im Krankenhaus nach. Nicht aller Anfang muss so schwer sein.

 

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