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Wer ist das Volk?

Peter Kleinert inszeniert Büchners „Dantons Tod“ mit Schüler*innen der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst. Hanna Sellheim findet das Revolutionsdrama nicht nur sehenswert, sondern auch schmerzlich aktuell.

Wild: Danton (Jonas Dassler, l.) wird von Philippeau (Vincent Redetzki) beschwichtigt. Foto: Gianmarco Bresadola / Schaubühne Berlin, Illustration: Joshua Leibig

In den ersten Momenten von Peter Kleinerts Danton-Inszenierung in der Schaubühne machen sich Bedenken breit: Die Aufführung beginnt mit einer historisch sehr groben Zusammenfassung der Ereignisse der französischen Revolution in bemüht hipper Jugendsprache für die zahlreichen Oberstufen-Schüler*innen im Publikum. Doch alle Befürchtungen werden schnell in den Wind geblasen. Das Ensemble aus Schüler*innen der Ernst-Busch-Schauspielschule macht aus dem fast 200 Jahre alten Stück ein fulminantes Spektakel, das immer wieder von Musikeinlagen der ausgesprochen begabten Schauspieler*innen unterbrochen wird. Dass die Bühne bis auf wenig technisches Zubehör leer bleibt, gibt der Energie dieser Aufführung den nötigen Raum.

Der Sexismus wurde leider nicht gestrichen

Während Jonas Dassler einen dynamischen, aber ebenso todessehnsüchtigen Danton verkörpert, leiden Deniz Orta und Tiffany Köberich darunter, dass ihre Rollen als Ehefrauen Julie und Lucile in Büchners zeitgenössischem Sexismus verhaftet bleiben. Ihr Dasein als brave Hausfrauen, die alle Betrügereien ihrer Ehemänner mitmachen, um sich schließlich mit ihnen in den Tod zu stürzen, wird wenig ironisch gebrochen. Hier fällt die Inszenierung mit Pauken und Trompeten durch den Bechdel-Test: In der einzigen Szene, in der die beiden Frauen alleine auf der Bühne stehen, reden sie über nichts anderes als ihre Ehemänner.

Das Stück oszilliert in bewährter Brecht-Manier stets zwischen historisierender Einordnung und aktueller Kontextualisierung. Besonders ein Moment brennt sich dabei unangenehm intensiv ins Gedächtnis: Paul Maximilian Schulze, der als wortwitziger Erzähler überzeugt, loopt am DJ-Pult den Ausruf „Wir sind das Volk“. Er verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht ihn, bis die Worte in einer schier endlosen Schleife widerhallen. Die Assoziationen sind so einfach wie erschreckend: Die Wiederholung der Parole der Demonstrierenden an der Berliner Mauer durch Pegida-Anhänger*innen macht sie zu einer leeren Phrase, einer Worthülse, die ihr Dasein auf dem Müllhaufen der Geschichte fristet. „Wir sind das Volk“, einst ein Ruf nach Gemeinsamkeit, steht nicht mehr für die Forderung nach Freiheit, nach Gerechtigkeit, sondern für Fremdenfeindlichkeit, seitdem die Pegida-Bewegung ihn verinnerlicht hat. Der Ruf nach einer offenen innerdeutschen Grenze ist zum Ruf nach geschlossenen europäischen Außengrenzen verkommen.

Aktueller Appell statt verstaubte Botschaft

Die maschinelle Wiederholung bedeutet in der Inszenierung das Ende des ursprünglichen Geistes der Revolution. Das DJ-Pult wird zum Äquivalent der Guillotine, die „mechanisch tötet“, wie Danton es beschreibt. Die Werte, auf welche die Revolution abzielt, Freiheit und Gleichheit, werden pervertiert, indem sie sich jene auf die Fahnen schreiben, die eine Revolution bloß als Trittleiter für den eigenen Machtaufstieg nutzen.

Dem gegenüber setzen die Charaktere am Schluss einen Akt der Auflehnung gegen die mechanische Wiederholung: Eine*r nach dem*r anderen laufen sie in die Mitte der Bühne zum Mikrophon, singen und tanzen dort im Kreis. Das gemeinsame Musizieren mit individueller Stimme wird so zur kollektiven Rebellion gegen die Maschine, das DJ-Pult, die Guillotine. Das Ensemble schafft es, Büchners tragischem Revolutionsstück eine schmerzhafte, aufweckende Aktualität zu verleihen – nicht ohne dem Ende einen Funken Hoffnung, einen dringlichen Appell an die Verantwortung des Einzelnen für die Zukunft der Gesellschaft hinzuzufügen.

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