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Mein Körper ist nicht banal

Im Zuge der Sexismus-Debatte wirft die WELT den Unis vor, Banalitäten zu skandalisieren und verteidigt die Objektifizierung von Frauen. Für Corinna Segelken ist das keine Kleinigkeit.

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Es ist doch ein hübsches Gedicht. Minimalistisch geradezu und von schlichter Kürze. Und es beschreibt schöne Objekte: Alleen, Blumen, Frauen. Frauen? Als ich das Gedicht von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Hellersdorf zum ersten Mal sah, bin ich vor Ekel in den U-Bahnhof geflohen. So offensichtlich ist die Objektifizierung von Frauen selten: Es erinnert uns an all die Situationen, in denen wir die Straßenseite gewechselt haben, um unangenehmen Blicken aus dem Weg zu gehen. Genauso, wie ich es vermutlich auch bei dem “Bewunderer” aus Gomringers Gedicht tun würde.

Sexismus-Kritik ist keine Prüderie

Trotzdem gibt es Stimmen, die diesen hübsch verpackten Alltagssexismus als Kleinigkeit abtun. So kürzlich geschehen in der WELT, wo der Autor den Unis vorwirft, Banalitäten zu skandalisieren und Studierenden Überempfindlichkeit bescheinigt. In einem Kommentar spinnt die stellvertretende WELT-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld die Kritik weiter: “Verklemmt” seien Göttinger Studierende, die sich dafür einsetzten, sexistische Zeichnungen nackter Frauen aus ihrer Mensa zu entfernen. Wieder einmal wird Seximus-Kritik mit Prüderie gleichgesetzt.

Unabhängig davon, dass die Ausstellung auch antisemitische Zeichnungen zeigte – von ein paar unschuldigen Bildern kann also kaum die Rede sein – hat das Abhängen dieser Kunstwerke nichts mit Verklemmtheit zu tun. Die Darstellung von Erotik und Nacktheit gehört selbstverständlich zur Kunstfreiheit, idealisierende und objektifizierende Zeichnungen von Frauenkörpern haben in einem öffentlichen Raum einer Uni, die sich als diskrimierungsfreien Ort sieht, aber nichts verloren.

Frauen, die ihre eigene Objektifizierung verteidigen

Die Unterstellung, an den Unis ginge es engstirnig zu, ist nicht neu: Als die Uni Passau 2015 einen Fensterln-Wettbewerb absagte, weil Studierende sich über die Altertümlichkeit dieses Sports beschwert hatten, kommentierte die damalige bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, sie fände es “charmant, wenn Männer um Frauen werben”. Frauen, die ihre eigene Objektifizierung verteidigen – auch Rosenfeld nutzt das Beispiel aus Passau.

Beleidigt erklärt sie, das sogenannte feministisch-akademische Milieu könne nicht unterscheiden zwischen Brauchtum und Diskriminierung, zwischen Spaß und Verächtlichmachung. Doch wenn eine Frau als Teil eines “Sports” passiv an einem Fenster abhängt und darauf wartet, dass irgendein Kerl an einer Leiter zu ihr hochklettert, um sie flachzulegen, dann ist das vielleicht Brauchtum – es ist aber weder charmant noch Spaß. Mein Tipp für den nächsten Wettbewerb: Lasst alle teilnehmen und nennt es Klettern.

Sexistische Kunst stört beim Denken

“Wehrhafte Weiblichkeit geht anders”, meint Rosenfeld mit Blick auf den Fall in Göttingen und schreibt damit Frauen, die sich gegen impliziten Sexismus wehren, ihre Weiblichkeit ab. Das bereits erwähnte feministisch-akademische Milieu leide an einem “deformierten Emanzipationsverständnis”, es würde das “freie Spiel der Gedanken” an den Unis einschränken. In der Tat sollte man sich an der Uni mit freiem Denken beschäftigen – mir fällt das aber wesentlich leichter, wenn sich dabei keine sexistische Kunst in meiner Nähe befindet.

Es ist Teil des wissenschaftlichen Diskurses, ins Detail zu gehen, Studierende und Wissenschaftler*innen haben quasi die Aufgabe kleinkariert zu sein. Gäbe es die Unis nicht, um auf vermeintliche Banalitäten aufmerksam zu machen, wer würde die Problematik dahinter sonst erkennen? Stimmen wie die aus der WELT zeigen, wie wichtig das gerade in Bezug auf Sexismus noch immer ist – denn meine körperliche Selbstbestimmung ist nicht banal.

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