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Ein Update für die Liebe

Kapitalismus und Liebe – Ein seltsames Paar. Die Soziologin Eva Illouz zeigte in ihrem Vortrag, wo die moderne Liebe ihren Ursprung hat und ob sie den Glauben daran noch wert ist. Von Julian von Bülow

Wohlstand und Status gegen Schönheit und Sexualität?  Bild: Ausschnitt aus Belle speist mit dem Tier von Anne Anderson

Wohlstand und Status gegen Schönheit und Sexualität? Bild: Ausschnitt aus „Belle speist mit dem Tier“ von Anne Anderson  Quelle: Creative Commons

 

In ein schickes Restaurant gehen, anschließend ein Spaziergang unter sternenbehangenem Himmel oder stattdessen doch etwas kitschige Musik und Candle-Light-Dinner zuhause? Eines ist sicher: Nur wenig ist so ritualisiert, historisch und gesellschaftlich geprägt sowie in der Kunst verarbeitet worden wie das Werben und Lieben.

Mit der Frage „Sollen wir noch an die Liebe glauben?“ luden letzte Woche SPIEGEL, Körber-Stiftung und die FU die Soziologin Eva Illouz in die Rost- und Silberlaube ein. Sie forscht zu Emotionen, Kommunikation und Kultur und untersuchte in ihrer Dissertation, wie sich der Kapitalismus im historischen Verlauf auf die heterosexuelle Liebe auswirkte. Im Gespräch mit SPIEGEL-Redakteurin Kerstin Kullmann erläutert sie die gängigsten Motive der romantischen Liebe und welche Machtverhältnisse diese ausdrücken.

Die Hässlichkeit des Mannes akzeptieren

Schon in der Antike sei die Idee prägend gewesen, einander liebende Protagonist*innen hätten Hindernisse zu überwinden, bevor sie als Paar glücklich werden könnten, so wie es in Die Schöne und das Biest oder der historischen Vorlage Armor und Psyche der Fall ist. Aber gerade diese Werke machen, Illouz zufolge, deutlich, dass die Frau sich ihrem Schicksal zu fügen und die Hässlichkeit ihres Mannes sowie der Macht des Patriarchats über sich zu akzeptieren hatte. So ergebe sich letztendlich ein „heterosexueller Tauschhandel“ – Schönheit und Sexualität der Frau gegen Status und Wohlstand des Mannes.

Im Mittelalter rückten der Tod und die verbotene Liebe in den Mittelpunkt. Als die Kirche Beziehung und Betrug definierte, habe der Tod als Lösung für das Dilemma zwischen Liebe und verbotenem sexuellen Kontakt gedient. „Dabei ähnelte die Liebe gegenüber unerreichbaren Personen der Gottesverehrung“, so Illouz. Gerade die Abwesenheit der Protagonist*innen voneinander sei bedeutsam, Männlichkeit zu dieser Zeit mitunter als Selbstaufopferung definiert gewesen, so dass das Sterben für den eigenen Gott – oder eben die Angebetete – als „ehrenvoller Akt“ gegolten habe.

Die moderne Single-Frau

In jüngeren Werken, wie den Bridget-Jones-Filmen, hat die Perspektive der Single-Frau Einzug erhalten, die keinen gesellschaftlichen oder familiären Anweisungen mehr folgen muss. „Die Möglichkeiten, die sich einer Frau bieten, sind jedoch auch von Selbstzweifeln begleitet“, betont Illouz. „In diesen Filmen fühlen sie sich häufig dafür verantwortlich, wenn eine Beziehung scheitert oder sie selbst einer anderen Person nicht gefallen.“ Dies sei dem Umstand geschuldet, dass Frauen häufig die emotionale Arbeit innerhalb von Beziehungen übernehmen würden, schlicht deshalb, weil Männer dies meist vernachlässigten.

Sollten wir nach alldem trotzdem an romantische Liebe glauben? Laut Illouz hätten sich Intimität und die Institution der Familie seit der Etablierung der romantischen Motive stark gewandelt. Unsere Vorstellung von Liebe müsste heute aktualisiert, um sexuelle und freundschaftliche Aspekte erweitert werden. Viel gängiger müsse es daher sein, dass Frauen und Männer befreundet sind, ohne gleich ein romantisches oder sexuelles Interesse von einer Seite anzunehmen.

Eva Illouz, 1961 in Marokko geboren, ist eine französisch-israelische Soziologin. Sie lehrt an der Hebrew University of Jerusalem und an der École des hautes études en sciences sociales in Paris und forscht maßgeblich an Emotionen, Kultur und Kommunikation.

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