Gar nicht so übel | FURIOS Online
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Gar nicht so übel

Es ist eine liebgewonnene Tradition unter FU-Studierenden, an ihrer Alma Mater herumzunörgeln. Corinna Segelken und Hanna Sellheim lernten sie nach ihren Auslandssemestern zu schätzen.

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Es ist einfach und tut gut, sich über die FU aufzuregen. Gründe dafür gibt es schließlich mannigfaltig – der schwelende Tarifkonflikt zwischen den studentischen Beschäftigten und den Hochschulen, die U3 mit ihren Kurzzügen, das Essen in der Mensa… Die Liste ließe sich ewig weiterführen.

Dass die FU auch ihre guten Seiten hat, geht dabei häufig im Getöse unter. Auch unsere beiden Autorinnen mussten erst in die Ferne schweifen, um zu erkennen, dass das akademische Paradies anderswo auch nicht zu finden ist und manche Aspekte des universitären Alltags in Dahlem eigentlich ganz in Ordnung sind.

Nahezu endlose Freiheit

Hanna Sellheim studiert Literaturwissenschaft und Politik. Während ihres Auslandssemesters in Schottland hat sie die freie Themenwahl an der FU vermisst.

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In Schottland gibt es Stimmen, die nach der Unabhängigkeit rufen – jedoch nicht die von der Literaturliste. Foto: Hanna Sellheim

Nur weniges an meinem Auslandssemester an der University of Edinburgh hat mich wirklich gestört. Die Gebäude waren schöner als an der FU, die Seminarräume nicht so voll und die Mitarbeiter*innen waren sehr hilfsbereit.

Eine Sache gibt es jedoch, die ich seit meiner Rückkehr ins Dahlemer Grün mehr schätze: Die FU bietet eine nahezu endlose akademische Freiheit. In drei Jahren Bachelor habe ich mir all meine Hausarbeitsthemen stets selbst aussuchen dürfen, auch Referate und Essays hatten selten strenge Vorgaben, sondern konnten immer nach eigenen Vorstellungen und mit individuellen Ideen gestaltet werden. Und zu Beginn des Semesters fragten die Dozierenden fast immer, ob jemand im Seminar Vorschläge für die Lektüreliste habe und ob an der Planung noch etwas verbessert werden könne.

Die Leseliste als Dogma

Anders in Edinburgh: Hier stehen Seminarpläne gefühlt schon seit Robert Louis Stevensons Studienzeiten fest und werden jedes Jahr erbittert nach demselben Rhythmus gelehrt. Auch die Fragen für Essays – die alle paar Wochen auf die Minute genau abgegeben werden müssen, sonst droht postwendender Punktabzug – sind strikt vorgegeben. Als ich mir einmal selbst ein Essay-Thema überlegen wollte, folgte auf meinen Vorschlag ein kafkaesker Dialog mit meiner Dozentin, bis mir endlich eine Frage erlaubt wurde, die ihrer Meinung nach definitorisch korrekt gestellt war. Andere Literatur als die auf der Leseliste durfte ich selbstverständlich trotzdem nicht benutzen.

Diese strengen Regeln resultieren an der University of Edinburgh nicht nur in relativer studentischer Einfallslosigkeit und durchschnittlich spannenden Seminar-Diskussionen, sondern auch noch in materiellen Problemen: Wenn alle zur selben Zeit an denselben Themen arbeiten, ist es garantiert, dass die relevante Literatur in der Bibliothek das gesamte Semester über ausgeliehen ist. Trotz all ihrer Fehler und Seltsamkeiten weiß ich die FU also nun als einen Ort schätzen, an dem neue Ideen und gewagte Thesen begrüßt werden – und an dem immer noch wenigstens ein zerfleddertes Exemplar von „Dr. Jekyll und Mr Hyde“ in den Bibliotheksregalen zu finden ist, wenn man es wirklich dringend braucht.

Bloß keine Schwäche zeigen

Corinna Segelken studiert Publizistik und Englische Philologie. Nach einem halben Jahr in Rotterdam hat sie die Krankheits- und Anwesenheitsregelungen der FU schätzen gelernt.

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Die Skyline von Rotterdam ist hübsch anzusehen, wer in dieser Stadt jedoch krank wird, hat ein ernsthaftes Problem. Foto: Corinna Segelken

“Laziness is not an excuse!” Diesen Satz bekam ich von meinem Professor bei einer Feedback-Besprechung im Januar dieses Jahres zu hören. Ich befand mich in den letzten Zügen meine Auslandssemesters an der Erasmus University Rotterdam – und hatte die vergangenen zwei Wochen mit hohem Fieber im Bett verbracht. Deswegen konnte ich bei einem Planspiel nicht anwesend sein, woraufhin meine Gesamtpunktzahl für das Seminar einfach halbiert wurde.

An der Erasmus University ist es völlig normal, dass Studierende sich trotz Krankheit in die Uni schleppen. Und das nicht nur mit Lappalien: Bei einer Economics-Klausur musste sogar der Rettungswagen kommen, weil ein Student trotz Gehirnerschütterung erschienen und dann zusammengebrochen war.

Der Druck ist enorm: Wer im ersten Studienjahr nicht sechzig Leistungspunkte erbringt, also sämtliche Kurse besteht, wird umgehend exmatrikuliert. Es kann sich daher niemand leisten, krank zu werden. Denn wer in einem Kurs dreimal fehlt, fällt automatisch durch. Ein Attest hat keine Bedeutung und die Erfolgschancen eines klärenden Gesprächs sind gleich null.

Krankheit gleich Faulheit?

Doch auch abgesehen davon, dass Krankheit mit Faulheit gleichgesetzt wird, herrscht an der Erasmus University ein Anspruch, der auf FU-Studierende geradezu absurd wirkt. Strenge Hierarchien leisten ihren Beitrag: Was die Dozierenden sagen, wird gemacht. Kritisches Hinterfragen? Fehlanzeige. Und Schwäche zeigen gilt sowieso nicht – wie willst du sonst später einen Job finden?

Ansonsten entsprach mein Auslandssemester allen idealisierten Vorstellungen eines solchen: Rotterdam war ein Traum, die Menschen waren großartig und die Kurse haben mir eine neue Perspektive auf mein Fach vermittelt. Doch ich bin froh, in meinem Studium an der FU nicht denselben Druck zu erleben, wie meine Kommiliton*innen an der Erasmus University.

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