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Schlecht und stolz drauf

Ein Studierendenmagazin belohnt schlechte Hausarbeiten und verkauft das als Revoluzzertum. Das erinnert eher an Sparkassenmitarbeiter*innen im Che-Guevara-Shirt, findet Lukas Burger.

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Das Wort Bologna wird an Unis eigentlich nur von Fans der Band Wanda lustvoll ausgesprochen, steht es doch sinnbildlich für alles, was Student*innen an ihrem Studienalltag frustriert. Dafür, dass die Lehre an Unis zu verschult ist, um sich nach wissenschaftlichem Arbeiten anzufühlen und gleichzeitig nicht die Aussicht vermittelt, mit einem Bachelor-Abschluss gut auf das Leben danach vorbereitet zu sein.

Dieses Gefühl der Unzufriedenheit kann sich auch in Trotz umwandeln, der nicht dazu animiert, sich jeder Klausur oder Hausarbeit so zu widmen, als wollte man sich später damit auch bewerben. Das Studierendenmagazin „Zur Quelle“ hat diesem Trotz jetzt ein Forum geboten, indem es den „4,0-Award” verliehen hat. Einen Preis für die schlechteste Hausarbeit, als Ermunterung dafür, das eigene Studium nicht so ernst zu nehmen, sondern lieber als Zeit der Selbstverwirklichung zu begreifen. Ein Zertifikat dafür, dass die Note Vier wirklich die Eins des kleinen Mannes ist. Das wirkt pubertär.

Keine Macht den Campus-Che-Guevaras!

Es ist zweifellos richtig, dass wohl jede*r, die*der mindestens zwei Semester hinter sich hat, ohne Vorbereitung ein fünfminütiges Impulsreferat darüber halten könnte, weshalb der eigene Studiengang mindestens als optimierungsbedürftig eingestuft werden sollte. Wie man mit dieser enttäuschenden Erkenntnis umgeht ist jedoch jeder*m selbst überlassen. Das Studium zugunsten von Praktika oder dem Netflix-Account nicht in Regelstudienzeit abzuschließen, ist absolut legitim. Sich für eine Hausarbeit auszeichnen zu lassen, mit der man lediglich bestand, weil der*die Dozent*in noch vierzig weitere korrigieren musste und der Benotung damit noch weniger Energie widmen konnte, als man in das Schreiben investiert hatte, scheint verlockend. Aber nimmt man es damit nicht etwas zu ernst, wie wenig ernst man das Studium nimmt? Muss man sich gleich als subversive*r Rebell*in stilisieren, als Campus-Che-Guevara, der dem bösen System mal so richtig zeigt, wo der Hammer hängt?

Es ist diese Haltung, ein bisschen Laissez-faire als ernstzunehmende Gegenposition darzustellen, die irritiert. Verweigerung ist nicht gleichbedeutend mit kritischer Auseinandersetzung. Wer sich, frei nach dem Motto „Probieren geht über Studieren”, im vierten oder auch im vierzehnten Semester lieber mit Kneipen-Philosophie als mit dem Poststrukturalismus des 20. Jahrhunderts beschäftigt, ist nicht gleich ein kritischer Geist. Der Besuch einer Uni ist kein Zwang: Für viele ist akademische Bildung sogar immer noch ein Privileg, um das wir von Menschen, die keinen derart leichten Zugang zu ihr haben, zu recht beneidet werden. Das bedeutet nicht, dass wir uns zuerst fragen müssen, was wir für die Uni getan haben, bevor wir uns überlegen, was die Uni für uns selbst tut. Aber du bist eben auch nicht der Robin Hood des Bildungsprekariats, nur weil du in deiner Hausarbeit nicht ordnungsgemäß zitierst.

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