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“Warum brauche ich das für die Grundschule?”

Das damals noch in zwei Semestern abzuschließende Mathematik-Modul für die Grundschulpädagogik an der FU sorgte 2016 für scharfe Kritik der Studierenden. Doch Skepsis ist angebracht. Von Clara Nack.

Beginnt hier die “Mathe-Hürde”? Foto: Clara Nack

Beginnt hier die “Mathe-Hürde”? Foto: Clara Nack

„Als Grundschullehrer*in ist es ja letztendlich so, dass man eher mehr Fächer unterrichtet, als man studiert hat und nicht weniger“, berichtet Rita Casal, Studierende im 5. Semester und Engagierte der FSI für Grundschulpädagogik (GSP).

Sie spricht damit die weitreichende Fächerwahl an, vor der sich angehende Lehramtsstudierende zu Beginn sehen, die nun jedoch auch einen traditionell eher ungeliebten Aspiranten einschließt: die Mathematik.

Im Vorfeld hatte es immer wieder Vorwürfe dazu gegeben, dass ein zu geringer Anteil an Mathe unterrichtenden Lehrkräften dieses Fach auch wirklich studiert habe. In der Folge wurde das auf zwei Semester konzipierte Mathematik-Modul auf dringende Empfehlung der Expertenkommission für Lehrerbildung entwickelt und ist seit dem Wintersemester 2015/16 verpflichtender Teil des Studiums der Grundschulpädagogik.

Doch im Kontrast zu der Expertenmeinung hört Nadja Garlipp, Studierende im 3. Semester, vor allem eine Frage oft auf den Fluren: “Warum brauche ich das für die Grundschule?”

Mehr Anforderungen, weniger Unterstützung

Sogleich fielen im ersten Klausur-Versuch 36 Prozent der Studierenden durch. Aus einer anonymen Umfrage, welche die FSI an die Studierenden verteilte, entstand ein offener Brief an den Tagesspiegel, der drei Artikel veröffentlichte und die realen Bedingungen an der Uni in ein anderes Licht rückte. Die Empörung konnte von der FSI in 24 Seiten an Beschwerden aus anonymisierten E-Mails zusammengefasst werden, in denen sich die Studierenden über den enormen Zeitdruck des komprimierten Moduls und den Aufwand der wöchentlichen Abgaben beschwerten. Es entstand der Eindruck als würde es den Studierenden unnötig schwer gemacht – und das obwohl sie von Anfang an den schlechten Ruf ihrer Ausbildung aufgrund des Berliner Lehrer*innenmangels akzeptieren. Dies führte zu Frustration, Resignation und einem voreiligen Abschließen mit dem Fach selbst, wie Dr. Christine Scharlach, einzige Dozierende des Mathematik-Moduls an der FU, berichtet. Auch sehr emotional und persönlich formulierte Kritik habe zu den Symptomen gezählt.

Mit der Studienreform im Winter 2015/16 ging ein erwartbarer, sprunghafter Anstieg der Anforderungen an die Studierenden einher, trotz allem wurden die begleitenden Hilfen kleiner. Wie in anderen Studiengängen fehlten die Gelder für umfangreiche Tutorien. Die verbleibenden wurden größer, für die praktische Vor- und Nachbereitung der wöchentlichen Abgaben fehlte häufig die Zeit. „Irgendwann beschwerten sich viele Dozierende anderer Fächer darüber, dass Studierende ihre Mathe-Übungen noch schnell während anderer Lehrveranstaltungen fertigstellten, “ erklärt Rita Casal.

Die Lehre, besonders Christine Scharlach, wurde mit diesem Zeitdruck der Studierenden konfrontiert, der sich sogar in großen, eher anonym gehaltenen Lehrveranstaltungen äußerte. Scharlach kennt ihre Studierendenschaft und die Probleme in ihrem Fach: „Mir war von vornherein klar, dass es so für meine Studierenden schwierig werden würde. Das ist zwar üblich in der Mathematik, aber nicht wünschenswert.”

“Dieses Bild von Mathematik bringt viele Fehlvorstellungen mit sich”

Doch warum müssen sich Lehramtsanwärter*innen überhaupt mit einem Fach beschäftigen, das sie so gar nicht studieren wollen? Christine Scharlach hatte selbst eine Umfrage zur sogenannten „Mathe-Angst“ durchgeführt, denn diese gesellschaftlich kultivierte Abneigung gegenüber der Mathematik ist vielen Dozierenden bekannt.

Die Angst, sowie die Blockade sich auf Algebra und Analysis überhaupt erst einzulassen, kann die Beschäftigung mit dem Fach erschweren: “Welche Haltung eine Lehrkraft zum Inhalt hat, wird schnell an die Schüler*innen weitergegeben.” So würde ein anderer, ungewollter Zusammenhang entstehen, ist sich Scharlach sicher: “Lehrer*innen mit einem geringen mathematischen Fachwissen neigen dazu, Mathe wie ein Regelwerk zu unterrichten. Dieses Bild von Mathematik bringt viele Fehlvorstellungen und gegebenenfalls auch eine Abwehrhaltung dem Fach gegenüber mit sich.”

Eine solche dürfe jedoch gar nicht erst entstehen, da in der Grundschule weniger in einzelnen Fächern gedacht wird. In der Praxis unterrichten die Klassenlehrer*innen in der eigenen Klasse meist den Großteil aller Fächer. Besonders wichtig sei es deshalb, einprägsam begründen und veranschaulichen zu können, so Nadja Garlipp. Konkret für Mathematik heißt das dann beispielsweise, den Schüler*innen Zahlen durch Modelle näher zu bringen: “Das Sehen und Hineindenken zu schaffen, ist für Kinder wichtig. Wie intensiv das geübt wurde, entscheidet später oft, ob ein Matheproblem entsteht.”

Auch Nadja ist keine Gegnerin des Moduls. “Mir geht es gar nicht um die Inhalte, sondern um die Umsetzung“, bestätigt sie. Sie profitiert von der erwirkten Lösung – der Streckung des Moduls auf drei Semester. Insgesamt soll diese die Studierenden entlasten. „Viele fanden lediglich den Zeitaufwand unzumutbar, nicht die Pflicht sich mit Mathe beschäftigen zu müssen“, berichtet Rita.

Sogar besser besucht als die Vorlesung

Seit dem Wintersemester 2017/18 wählen Studierende nun zwei aus drei Pflichtfächern: Neben Deutsch und Mathematik steht nun ab sofort auch Sonderpädagogik zur Auswahl.

In den Begleitprogrammen hat sich ebenfalls etwas getan. Während das Modul auf drei Semester gestreckt wurde, finanzierte man aus den Mitteln der Berliner Qualitätsoffensive für Lehrerbildung weitere Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter*innen und studentische Hilfskräfte. Somit bieten nun insgesamt acht Tutor*innen deutlich kleinere, vorlesungsbegleitende Lehrveranstaltungen an. Ein enormer Schritt, wie Scharlach bestätigt: “Denn es bleibt bei aller Skepsis und Unmut auch eine praktische Frage nach Personal und Ressourcen.”

Der zweite Klausurversuch sei dann tatsächlich „machbar“ gewesen, berichteten Studierende. In Folge der größeren Anzahl an Tutor*innen und begleitenden Angeboten, sei die Vorbereitung auf die Klausur deutlich intensiver ausgefallen. Diese macht immerhin fast 50 Prozent der Modulnote aus. „Es gibt nun eine Übung am Donnerstag die von einer Tutorin im Vorlesungsstil gehalten wird und sogar besser besucht sein soll als die Vorlesung selbst“, berichtet Nadja Garlipp.

„Prinzipiell muss man immer vorsichtig sein, wenn Leute laut schreien, sich ausschließlich mit Empörung an die Presse wenden. Es war kein besonders gutes Modul, das muss ich wirklich sagen. Aber ich bin froh, dass es jetzt in verbesserter Form weiter Teil des Studiums ist. Vor allem müssten sich beide Seiten auf die neue Regelung einlassen“, bemerkt Rita und stellt eins ganz deutlich heraus: die Mathematik wird fester Bestandteil der späteren Bewerbungsunterlagen bleiben. Denn im späteren Arbeitsalltag der Berliner Grundschullehrer*innen ist das Fach wegen des lokalen Lehrer*innenmangels unumgänglich: wenn es um Mathe geht, müssen früher oder später meist alle ran.

 

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