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Erstis ernst nehmen!

Auch an der Uni wird jungen Leuten häufig nicht genug Respekt entgegengebracht. Dazu tragen neben Dozierenden und Gasthörer*innen ebenfalls die Studierenden selbst bei. Von Theo Wilde

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Ob er denn in einer WG lebe, wurde der 28-jährige Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert letzte Woche bei RTL gefragt. Eine vermeintlich harmlose Frage, deren Antwort allerdings absolut nichts mit der politischen Kampagne zu tun hat, die Kühnert und seine Mitstreiter*innen führen, um ein erneutes Eintreten der Mutterpartei SPD in eine Große Koalition mit der CDU zu verhindern.

Doch nicht nur Fernsehsender, denen wir TV-Sternstunden wie das Dschungelcamp zu verdanken haben, sondern auch ältere Parteifreund*innen machten sein Alter zum Thema – so zum Beispiel Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, die sich im Gespräch mit der BILD zu folgender Aussage hinreißen ließ: „Der Kevin Kühnert ist 28 Jahre alt. Der wird jetzt erstmal sein Studium abschließen und irgendwann anfangen zu arbeiten.“

Entrüstete Reaktionen auf Äußerungen wie diese ließen, vollkommen zurecht, nicht lange auf sich warten. Daraufhin folgte eine breite Mediendebatte über mangelnden Respekt gegenüber jungen Menschen in der Politik.

Herabsetzungen in der Lehrveranstaltung

Doch auch an der Uni werden junge Leute häufig pauschalisierend auf ihr Alter reduziert.
Sehr oft zu beobachten ist dieses Verhalten bei Gasthörer*innen, die glauben, ihre Meinung sei allein aufgrund ihres methusalemischen Alters mehr wert als die der zwanzigjährigen Seminarteilnehmer*innen.
In die gleiche Kerbe schlagen viele – vornehmlich männliche – Dozierende jenseits der 40, wenn sie ihre Lehrveranstaltungen dafür nutzen, mit der angeblich so verkommenen Studierendenschaft von heute abzurechnen. Wenn man ihnen Glauben schenken darf, waren alle Studierende vor ein paar Jahrzehnten noch politisch aktive Tausendsassas, die jede einzelne Seminarsitzung mit ihrer Anwesenheit und ausnahmslos geistreichen Wortbeiträgen bereicherten.

Das ist allerdings größtenteils nostalgischer Unsinn. Die Lebenssituation von Studierenden damals lässt sich nur schwer mit den heutigen Verhältnissen nach der Bologna-Reform und in Zeiten immer weiter steigender Mieten vergleichen. Darüber hinaus lässt sich der jungen Generation an der Uni keine generelle politische Passivität vorwerfen, davon zeugt in Berlin aktuell der Tarifkonflikt rund um den TV Stud. Aber auch die zahlreichen Studierenden aus ganz Deutschland, die in der jüngsten Richtungsdebatte innerhalb der SPD die politische Streitkultur hochgehalten haben, widerlegen solche Pauschalurteile.

Ausnahme bei Erstis?

Doch auch viele Studierende selbst sind vor dem Verhalten, das den Alten zum Vorwurf gemacht wird, nicht gefeit. Denn Erstis werden auf dem Campus von den höheren Semestern häufig ebenso wenig respektiert wie die Mittzwanziger*innen in der Politik von langjährigen Berufspolitiker*innen.
So berechtigt die Empörung über die Geringschätzung der Alten gegenüber den Jungen in der großen Politik auch ist, sie kann nur dann wirklich glaubhaft vermittelt werden, wenn wir auch vor unserer eigene Haustür kehren und nicht in die gleichen Diskriminierungsmuster verfallen wie diejenigen, die wir genau dafür kritisieren.

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