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Deutschland im Hinterhof

Lässt sich die Migrationsdebatte in einer Berliner Hausgemeinschaft simulieren? Maik Siegel, Autor von „Hinterhofleben“, und Clara Eul im Gespräch über Klischees und die Grenzen des Diskurses.

Maik Siegel b Credit_Paloma Aliaga

Der Jungautor Maik Siegel. Foto: Paloma Aliaga

Ein intellektueller, sexualisierter Homosexueller, ein fast schon linksradikales und zugleich politisch korrektes Pärchen, alteingesessene Berliner*innen, ökologisch bewusst lebende Gutbürger*innen und eine kenianische Familie. Jedes Klischee ist bedient in Maik Siegels Debütroman „Hinterhofleben“. Der Autor und ehemalige FU – Student entwirft ein Haus im Prenzlauer Berg, in dem ein Pärchen Samih aufnimmt, einen geflüchteten Syrer. Im Streit darum, ob Samih bleiben darf, fechten die Bewohner*innen des Hauses im Hinterhof stellvertretend die politische Debatte um Migration aus Krisengebieten nach Deutschland aus.

FURIOS: Maik, in deinem Buch zeichnest Du anhand der Bewohner*innen eines Hauses im Prenzlauer Berg verschiedene Stereotypen deutscher Bürger*innen. Siehst Du in dieser Darstellung der Charaktere nicht die Gefahr zu stigmatisieren?

Siegel: Die größte Sorge beim Schreiben war, zu sehr ins Karikatureske abzugleiten. Mir war wichtig, dass die Figuren in dem Roman eine Entwicklung durchmachen. Damit legitimiere ich diese Klischees für mich: Indem sie sich verändern – zum Negativen und zum Positiven.

Wolltest Du mit den inneren Widersprüchen und Ambivalenzen der Charaktere die Leser*innen dazu bringen, sich an die eigene Nase zu fassen?

Das war der Ausgangspunkt. Das Ziel war, die verschiedenen Positionen in der Debatte über Migration zu betrachten. Ein Spiegelbild der Meinungen in Deutschland abzubilden und den grotesken Anteil jeder Position aufzuzeigen. Natürlich wollte ich auch entlarven.

Du machst auch den Nahostkonflikt und Antisemitismus zum Thema – warum?

Ich habe den Nahostkonflikt nach langer Recherche als wichtigen Punkt empfunden: In Syrien ist Antisemitismus allgegenwärtig. Es ist ein kritischer Konflikt, der zeigt, dass der Syrer Samih eben mehr ist als ein Opfer. Es war mir wichtig, ihn als Menschen zu sehen. Er kann ein guter Mensch, ein schlechter Mensch, Opfer, Täter sein, er kann einfach alles sein. Niemand fängt bei null an, ohne Ballast. Wenn man das nicht anerkennt, spricht man diesem Menschen etwas ab. Nämlich seine Vergangenheit.

Einer der Hausbewohner stellt fest: „Diejenigen, die den Flüchtlingen positiv gegenüberstehen, sind in ihrer Sprache genauso verroht wie die, die sie beschimpfen, und in ihrer Sichtweise ebenso verstockt wie die, die sie bekämpfen.” Ist das Deine Nachricht? Dass Dialog jede Meinung berechtigen sollte?

Ja, außer sie ist verfassungswidrig. Die Aussage ist, dass in der Debatte zwei starke Meinungen aufeinanderprallen. Beide Seiten sind verbohrt und hören einander gar nicht mehr zu. So habe ich das auch in Deutschland wahrgenommen. Es ging irgendwann nicht mehr um Fakten und Argumente, sondern darum, wer lauter schreit. Teilweise haben Leute einfach nur gesagt: „Es können nicht alle kommen”. Die wurden gleich in die rechtsextreme Ecke gestellt. Aber es gibt eben auch Zwischentöne und Grauzonen. Die wurden nicht mehr gehört.

Du lässt kaum richtig und falsch erkennen. Als wolltest Du aufzeigen, dass es kein Gut, kein Böse, kein Opfer und keinen Täter gibt.

Ich betrachte es nicht als meine Aufgabe, die Figuren zu Guten oder Bösen zu erklären. Je mehr ich zeige, desto eher kann sich der Leser eine Meinung bilden. Die Figuren werfen sich in ihren Debatten Argumente an den Kopf – damit wird meiner Meinung nach erkennbar, wer vernünftige Gedanken hat und wer nur hetzen will.

Ist das nicht riskant, jede Stimme ungefiltert zu präsentieren?

Zuhören ist für mich zentral. Ich persönlich denke, wenn zum Beispiel einer von der Pegida kommt und sagt: „Flüchtlinge sind Abschaum!“ – da muss ich nicht zuhören. Ich muss niemandem zuhören, der menschenverachtend und gegen das Grundgesetz spricht. Da verläuft für mich die Grenze. Wer so spricht, der hat kein Anrecht darauf, gehört zu werden.

„Hinterhofleben“ von Maik Siegel erscheint beim Verlag Divan.

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