FURIOS fantasiert: Die Zugreise | FURIOS Online
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Bis dahin viel Spaß mit unseren wöchentlichen Ferienserien FURIOS auf Reisen und Berlins Bibliotheken im Test!

FURIOS fantasiert: Die Zugreise

Seit er einmal Flixbus gefahren ist, bestreitet Theo Wilde ausnahmslos alle innerdeutschen Reisen mit dem Zug. Aber auch das geht immer noch besser. Eine Utopie.

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Entspannt Zug fahren? Utopisch. Bild: Pexels

In unserer Ferienserie „FURIOS fantasiert“ geben wir unseren Autor*innen Raum zum Träumen.

Wehmut überfällt mich, als am Frankfurter Hauptbahnhof der ICE nach Berlin einfährt. Denn das Wochenende bei meiner Familie verlief wieder einmal so harmonisch und stressfrei, dass ich mir fast wünsche, wieder bei meinen Eltern einzuziehen. Aber leider muss ich zurück in die Hauptstadt.

Nachdem der Zug einen Schwall Reisende auf den Bahnsteig entlassen hat, steige ich zusammen mit einigen anderen Fahrgästen ein, die selbstverständlich gesittet und ohne zu drängeln in Richtung Zugtür schlendern.

Im Inneren begebe ich mich zu meinem Platz im Ruhewagen und schaue mich um. Merkt man gar nicht, dass der aus Basel kommende Zug schon ein paar Stunden unterwegs ist, schließlich liegt überall praktisch gar kein Müll herum. Mein Blick fällt auf den Vierer schräg gegenüber. Dort sitzen zwei ältere Schweizer Ehepaare in Funktionskleidung, die natürlich nicht daran denken, die nächste Flasche Rotwein gleichmäßig auf ihre bunten IKEA-Becher und den Teppichboden zu verteilen. Sie unterhalten sich mit gedämpften Stimmen über ihre liebsten Bahnstrecken in Süddeutschland.

Das Handy meiner Sitznachbarin beginnt zu vibrieren und sie springt auf, um das Telefonat im Türbereich zu führen, wo sie niemanden stört. Der Mann auf dem Sitz vor mir zieht nicht seine Schuhe aus. Ich döse ein.

Einige Zeit später werde ich durch sanftes Rütteln an meiner Schulter geweckt. Ich schlage die Augen auf und blicke in das freundliche Gesicht der Schaffnerin. Höflich bittet sie mich um mein Ticket, das ich ihr sogleich präsentiere. Ihr Scanner ist im ersten Anlauf in der Lage, den QR-Code des Handytickets zu lesen und bei der Bahncard, die ich leider ganz unten in meinem Rucksack verstaut habe, drückt die nette Dame mal ein Auge zu. Sie wünscht mir noch eine schöne Weiterfahrt und zieht federnden Schrittes weiter zu den nächsten Passagier*innen. Echt jedes Mal ein Spitzenservice bei der Bahn! Aber wie könnte sie in einem Zug, der auf vollkommen unproblematische Weise nach einem Opfer der nationalsozialistischen Deportationen benannt ist, auch nicht vor Glück strahlen?

Jetzt, wo ich wieder wach bin, wende ich mich meinem Handy zu und klinke mich in das Bord-WLAN, das es mir erlaubt, auch in der zweiten Klasse mit vollkommen ausreichender Geschwindigkeit und ohne Datenlimit ins Internet zu gehen. Routinemäßig checke ich die Nachrichten. Der Aufreger des Tages ist die Meldung, dass Til Schweiger seine Filmkarriere an den Nagel hängt und den Rest seines Lebens im Schweigekloster verbringen möchte. Voll schön für ihn, denke ich. Aber seine Stimme wird mir fehlen.

Apropos! Aus den Bordlautsprechern säuselt nun die Stimme des Zugchefs, der den nächsten Halt in Braunschweig ankündigt. Hier genieße ich das Panorama, das sich mir bei der Einfahrt in diese wunderschöne Stadt bietet. Auf dem Bahnsteig erblicke ich durch das Zugfenster eine grölende Männergruppe in neonpinken Shirts mit der Aufschrift „Axels letzter Tag in Freiheit“. Es handelt sich offensichtlich um einen vor Alkohol triefenden Junggesellenabschied. Zum Glück lassen sie sich nicht im gleichen Waggon wie ich nieder, um sich lautstark mit branntweinhaltigen Mischgetränken auf zwei richtig ausgeflippte Tage in einem Ostberliner Hostel   einzustimmen.

Die restliche Reisezeit vergeht bei angenehmer Stille wie im Flug und der ICE rollt vier Minuten früher als geplant am Berliner Hauptbahnhof ein – das passiert mir schon zum zweiten Mal in diesem Jahr. Voller Vorfreude auf die S-Bahnfahrt zu meiner Wohnung steige ich aus dem Zug. Die Sonne scheint.

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