FURIOS fantasiert: Die Paillettenjahre sind vorbei | FURIOS Online
FURIOS wünscht Euch schöne Semesterferien! Aktuelles rund um die FU gibt es hier wieder ab dem 13. Oktober.
Bis dahin viel Spaß mit unseren wöchentlichen Ferienserien FURIOS auf Reisen und Berlins Bibliotheken im Test!

FURIOS fantasiert: Die Paillettenjahre sind vorbei

Jazz, Swing, Pailletten und Perlen – von den Goldenen Zwanzigern haben wir alle ein Bild, ohne sie selbst erlebt zu haben. Bald liegt es an uns die nächsten Zwanziger Jahre mit Bildern zu füllen. Von Carla Spangenberg

pixabay hsvbooth

Wir haben alle eine Vorstellung von den Zwanziger Jahren. Bild: pixabay

In unserer Ferienserie „FURIOS fantasiert“ geben wir unseren Autor*innen Raum zum Träumen.

Zigarettenspitzen, gehalten von in armlangen Handschuhen steckenden Fingern. Perlen und Pailletten zieren Körper, die sich schwungvoll zu Jazz und Swing bewegen. Männer in weißen Krawatten paffen Zigarren. Stilvoll und freigeistig feiern wir auf Mottoparties die Goldenen Zwanziger. Bald aber brechen die 2020er Jahre an. Dann liegt es an uns welche Musik, Drinks und Kleidung zum Kult dieser 20er Jahre werden. Schon jetzt ist klar: Es kann nur schlechter werden, denn die Paillettenjahre sind vorbei!

Smells like Bieber Spirit

2021: Justin Bieber stirbt. Auf den ersten Blick kein großer Verlust für die Musikszene, doch sein früher Tod lässt ihn in den “Club der 27” eingehen und er wird gefeiert wie Kurt Cobain, Jimi Hendrix und Amy Winehouse. Biebers letzte Lebensjahre sind geprägt von Abstürzen und Drogenexzessen. Was als PR Gag seines Managements anfing, endet fatal: Als Legende findet Bieber Einzug in die Musikgeschichte. Wie schön waren doch die Zeiten, als Adorno sich noch über Jazz beschwerte.

Die bitteren Zeiten beginnen. Bild: lifeisbitter.de

Die bitteren Zeiten beginnen. Bild: lifeisbitter.de

Du feierst das Ende der GroKo. Die AfD ihren Wahlsieg. Life is bitter. Nach der Bundestagswahl erlebt der italienische Magenbitter Fernet Branca seinen Durchbruch, denn die äußeren Lebensumstände sind endlich so bitter, wie sie in der langjährigen Werbekampagne vorhergesagt wurden. Wie schon vor hundert Jahren sind unsere Weltoffenheit und Freigeistigkeit nur die Vorhut des (un)aufhaltsamen Aufstiegs des Bitterbösen. Auf verzweifelter Suche nach Betäubung greifen wir schließlich zu Fernet Branca in all seinen Variationen. Während wir anfangs noch Kreationen wie “Bitter Mary” mit Matcha Tee und Gojibeerensaft schlürfen, kippen wir das Gesöff später pur und bitter wie das Leben.

Mein Style ist mein Laster

Das Verderben breitet sich weiter aus und erreicht die Modeindustrie. Nachdem der Hersteller “Freitag” zunächst nur Taschen aus Lastwagenplanen produziert, schneidert er nun auch Kleidung aus dem robusten Recyclingmaterial. Unter dem Deckmantel des ökologischen Upcyclings statten sie uns aus mit Schuhen, Mänteln, aber auch Hosen und Unterwäsche aus Lastwagenplanen. Die Kleidung ist weder bewegungstauglich noch atmungsaktiv, und so schwitzen wir regungslos in immer heißer werdenden Sommern unserem Niedergang entgegen.  

Die Wut der Wiederverwertung hat ihren Preis: Bald schon steigt die Nachfrage nach Lasterklamotten so stark, dass LKWs zunehmend ohne Plane fahren müssen. “Planenlos durch die Nacht”, tönt die unbesiegbare Helene Fischer aus den Autoradios und bietet mit ihrem recycelten Welthit die musikalische Untermalung zahlreicher Todesfälle durch herabfallendes Ladegut.

Justin Bieber, Fernet Branca und Lastwagenplanen. So feiern wir in den 20ern Parties, auf denen wir Kinder zeugen, die unser Elend viele Jahre später auf Mottopartys reproduzieren. Um zukünftigen Generationen dieses Leid zu ersparen passt auf, was ihr hört, trinkt und tragt. Wenn euch das zu viel Verantwortung ist, heißt die Alternative: Verhüten – lieber mit Latex als mit Lastwagenplanen.

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