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Treffen sich eine Feministin und ein Priester…

Für ihr Buch „Halleluja“ begleitete die Journalistin Valerie Schönian ein ganzes Jahr einen katholischen Priester durch seinen Alltag. Eine Rezension von Leon Holly.

Bild Michael Bönte

Für die bekennende Kirchenkritikerin Valerie Schönian ist die Auseinandersetzung mit Priester Franziskus eine ganz neue Herausforderung. Bildmontage/ Foto: Michael Bönte, Illustration: Joshua Leibig

Zwei Lebensrealitäten, die entfernter voneinander kaum sein könnten, versuchen sich ein Jahr lang anzunähern. Die Journalistin und ehemalige FURIOS-Redakteurin Valerie Schönian ist Mitte zwanzig und – wie der Klappentext verrät – „politisch links und Feministin“. Franziskus von Boselager ist ein 38 Jahre alter, katholischer Priester in der Gemeinde Münster-Roxel. Für dieses Buch fuhr  die Berlinerin ein Jahr lang jeden Monat für jeweils zwei Wochen ins Münsterland und begleitete Franziskus durch seinen Alltag. Ihre Mission: die katholische Kirche verstehen.

Katholizismus als Belastungsprobe

Das Werk ist ein Erfahrungsbericht aus Schönians Perspektive. Geboten wird ein tiefer Einblick in die täglichen Aufgaben des Priesters, sei es der Alltag in der Gemeinde, der persönliche Kontakt zu den deren Mitgliedern, das Vorbereiten und Zelebrieren der Messe oder Ereignisse wie der katholische Jugendtag in Krakau. Ihre Erlebnisse ergänzt die Autorin um einen ebenso deutlichen Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt während des Experiments. Als Glaubensskeptikerin hat sie mit der katholischen Kirche sonst reichlich wenig am Hut und viele ihrer politischen und persönlichen Überzeugungen stehen den Doktrinen der Kirche und Franziskus‘ Einstellungen diametral gegenüber. Wo sie leidenschaftlich für die gleichgeschlechtliche Ehe eintritt, befürwortet Franziskus ein konservatives Familienbild. Während die Autorin Toleranz gegenüber alternativen Lebensentwürfen einfordert, wird im Kontakt zu Franziskus ihre Duldsamkeit für dessen andere Meinungen und Vorstellungen auf eine ernste Belastungsprobe gestellt.

Zwischen Konfrontation und Annäherung

Überschneidungen zu finden und gar eine persönliche Verbindung aufzubauen, fällt da erstmal schwer. Jedem Fortschritt scheint direkt ein Rückschritt zu folgen, nach schier jedem neuen Annäherungsversuch stoßen die beiden in hitzigen Auseinandersetzung über Themen wie Sex vor der Ehe oder der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche auf gegenseitiges Missverständnis. Die Überschriften der Kapitel geben Aufschlüsse über einige der mentalen Entwicklungen und Herausforderungen, denen Schönian sich dabei ausgesetzt sieht: Widerstand, Annähern, Entfernung, Verstehen. Mal befindet sie sich in direkter Konfrontation mit reaktionären Frauenbildern, an anderer Stelle wirkt das Buch ganz im Sinne ihres Lieblingskinderliedes „Aufstehen, aufeinander zugehen“ wie atheistisch-christliche Ökumene.

Spiel mit den Klischees

Das Setting des Experiments – Kirchenkritikerin trifft Katholik, links trifft konservativ, Berlin trifft Roxel – spielt absichtlich mit Klischees, was allerdings auch dafür sorgt, dass einige ihrer Gespräche über „Gott und die Welt“ in absehbaren Bahnen verlaufen. Schönian hat deshalb gar nicht erst den Anspruch, einen weiten Bogen um erwartete Stereotype zu machen, sondern steuert direkt darauf zu und gibt ihr Bestes, sie humorvoll zu verarbeiten und zu reflektieren. Als Franziskus sie etwa in Berlin besucht, meint sie augenzwinkernd: „Mit seinem Kollar würde er es vermutlich sogar ins Berghain schaffen“. Schade, dass der Club-Trip letztendlich ausbleibt – wer mit der Himmelspforte vertraut ist, für den sollte schließlich auch die härteste Tür Deutschlands kein Problem darstellen.

Tiefgreifende theologische Diskussionen sind nicht der Anspruch des Buches und der Autorin. Stattdessen wird ein Abtasten und Erkunden einer parallelen Lebensrealität gewagt.  Zwei sich sonst nicht überlappende Filterblasen befinden sich plötzlich auf Kollisionskurs. Wer den kurvigen Weg von Schönians intensivem Erfahrungs- und Verständnisprozesses während eines Jahres mit Priester und katholischer Kirche nachgehen möchte, findet sich auf unterhaltsamem Pflaster.

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